Von Mirjam Lübke

Phänomen unserer Zeit: Finstere Verschwörungstheorien, die nach zuverlässiger Frist meistens wahr werden (Symbolbild:Pixabay)
Einst, als ich noch glaubte, Wissenschaftsreportagen im Fernsehen verkörperten die Stimme der Vernunft, hielt ich die meisten Verschwörungstheorien für absoluten Blödsinn. Außer die von der sich selbst zerstörenden Glühbirne. Das erschien irgendwie logisch: Vor der Einführung der umweltfreundlichen Energiesparbirne – die seltsamerweise zur Entsorgung gegeben werden muss – konnte man das klassische Leuchtmittel recht günstig im Massenpack bei jedem Baumarkt erwerben. Irgendwie muss das Geld aber wieder hereinkommen; warum also die Selbstzerstörung nicht in das Produkt integrieren? Vielleicht ist es aber auch umgekehrt, und es lohnt sich bei einem Billigprodukt nicht, in ewig haltbare Materialien zu investieren. Beim Durchbrennen einer klassischen Glühbirne passierte schließlich nichts Schlimmes… vielleicht rannte man mal im Dunkeln vor einen Schrank. Bei den ersten Sparlampen hingegen – die genauso häufig kaputt gingen – drohte Vergiftungsalarm. Quecksilber ist bekanntlich nicht gesund.
Bei anderen klassischen Verschwörungstheorien ist es oft schon weitaus schwieriger, zwischen Wahrheit und Phantasie zu unterscheiden. Zum Beispiel die seltsame Kartoffelkäferplage in der DDR im Frühsommer 1950, welche die ohnehin angespannte Versorgungslage noch verschärfte. Die DDR-Propaganda hatte den Schuldigen rasch gefunden: Die Amerikaner sollten die gefräßigen Käfer aus Flugzeugen abgeworfen haben. Bis heute macht sich die Presse darüber lustig. Aber was ist, wenn die nicht für ihre Wahrheitsliebe bekannte DDR-Presse damals ausnahmsweise einmal recht hatte – und sei es auch nur rein zufällig? In Robert Harris “Der lautlose Tod: Eine Geschichte der Biowaffen” wird tatsächlich über amerikanische Kartoffelkäfer-Experimente berichtet. Als nicht tödliche Waffe sollte das Tierchen in feindlichen Ländern für Hungersnöte und somit für Proteste der Bevölkerung und Instabilität sorgen. So tritt eine Großmacht nicht öffentlich als Aggressor in Erscheinung, sondern lässt die Bürger eines Landes die gewünschte Arbeit tun. Heute würde dazu genetisch manipuliertes Saatgut eingesetzt, das im zweiten Jahr plötzlich nicht mehr keimt. Man wird wohl kaum noch herausfinden können, was damals geschehen ist – aber was als “anti-westliche Verschwörungstheorie” verlacht worden ist, hat zumindest einen wahren Kern.
Die Laborhypothese lässt grüßen…
Probleme auslagern und die Hände in Unschuld waschen: Das führt direkt zur nächsten Theorie, die zunächst in der Luft zerrissen wurde, inzwischen aber nicht nur ernsthaft diskutiert, sondern als höchstwahrscheinliche Erklärung gilt: Die Rede ist von der Laborhypothese zum Coronavirus-Ursprung des Hamburger Wissenschaftlers Wolfgang Wiesendanger. In der Corona-Zeit konnte man ohnehin davon ausgehen: Je heftiger eine Vermutung als “Geschwurbel” abgetan wurde, desto wahrscheinlicher war es, die Vorahnungen in den nächsten Wochen bestätigt zu sehen. Lockdown und Impfpflicht galten ebenfalls zuerst als “rechte Propaganda” – und schon waren sie da. Auf Zusagen aus dem Gesundheitsministerium war so viel Verlass wie auf Walter Ulbricht.
Dabei galt auch für die Laborhypothese, dass sie von Anfang an bei näherer Betrachtung nicht abwegig schien: Wiesendanger hatte an keiner Stelle seines Berichts behauptet, es stecke eine Absicht hinter dem Entfleuchen des Virus, sondern womöglich nur ein Fehler des schlecht ausgebildeten Hilfspersonals, das Abfälle nicht sachgemäß entsorgt hätte. Schon Barack Obama hatte Befürchtungen geäußert, die Chinesen könnten sich mit ihrem Stufe-4-Labor fachlich überheben; aus demselben Grund hatte er im Zuge dessen auch die -Forschung in den USA verboten. Insofern ist es ein Treppenwitz der Geschichte, dass Anthony Fauci, Chef der National Health Services, und seine Pharmakologenfreunde ihre diesbezüglichen Aufträge an das vom eigenen Präsidenten misstrauisch beäugte chinesische Labor vergaben. Auch hier gilt: Auch wenn man keine Absicht hinter dem Ausbruch vermutet, kann man dem Fauci-Forscherclan, zu dem auch Christian Drosten gehört, sträflichen Leichtsinn nachsagen. Da klingt es doch plötzlich auch gar nicht mehr unlogisch, dass die Damen und Herren schon einmal den Teppich anhoben, um Belastendes darunterzukehren.
Nun gibt es auch eine neue Runde der Spekulationen um die Sprengung der Nord-Stream:

Zunächst wurden uns ja die Russen als Urheber des Anschlags angepriesen – aber Sinn machte das nicht. Im Krimi würde man sagen: “Sie hatten kein Motiv“. Im Gegenteil: Sich vom gesamteuropäischen Absatzmarkt selbst abzuschneiden, wäre ein Schuss ins eigene Knie gewesen. Dann erschien Seymour Hersh mit seiner CIA-Hypothese auf der Bildfläche, die weitaus mehr Sinn ergab: Deutschland profitierte plötzlich nicht mehr von seiner Rolle als zentraler Verteiler russischen Gases und muss nun bekanntlich wenig umweltfreundliches Frackinggas abnehmen. Zudem hatte es kurz vorher ein US-amerikanisches Flottenmanöver in der Ostsee gegeben. Motiv und Gelegenheit waren vorhanden. Sogleich schlugen in Windeseile diverse “Wahrheitsministerien” in Deutschland zu und machten über Nacht aus dem renommierten Journalisten Hersh einen “Schwurbler“.
Allerdings hatten aufmerksame Beobachter die Schummelei bemerkt und machten sie öffentlich. Jetzt hat man sich mit einem Male auf die Ukraine als Täter eingeschossen – geradezu, als habe man einen Kompromiss zwischen beiden Thesen gesucht, der für die Bürger halbwegs glaubwürdig ist. Da die USA schon seit einigen Wochen Tendenzen zeigen, wegen innenpolitischer Krisen ihre Unterstützung der Ukraine einzufrieren, käme das auch gerade recht. Zumindest in diesem Punkt kann sich Deutschland von den USA eine Scheibe abschneiden: Die Bürger pochen lautstark darauf, dass ihre Interessen von der Regierung ernst genommen werden. Was kann man nun daraus für ein Fazit ziehen? Vor allem das, nicht alles zu glauben, was einem vorgesetzt wird. Das gilt natürlich auch für so manche Verschwörungstheorie. Aber wenn etwas nicht plausibel klingt und einem trotzdem mit aller Macht eingeredet wird, dann gilt es, die eigenen Analysefähigkeiten einzuschalten und wie ein Ermittler zu denken. Uns wurden schon ganze Bärenhorden von den Medien auf die Nase gebunden. Da darf das Misstrauen der Bürger keinen verwundern. Glaube ich deshalb nun tatsächlich an die berüchtigten Echsenmenschen? Nein, bisher noch nicht. Aber sobald die “Tagesschau” deren Existenz vehement verleugnet, werde ich noch einmal darüber nachdenken.
