78. Jahrestag des US-Atombombenabwurfs auf Hiroshima: Friedensbewegung und Kirchen fordern atomwaffenfreie Welt. Kriegslobby verlangt Lieferung deutscher Langstreckenraketen an KiewVon Arnold Schölzel

Am 6. August 1945 um 8.16.02 Uhr warfen US-Streitkräfte eine Atombombe über der japanischen Stadt Hiroshima ab. Am 9. August zerstörten die USA mit einer weiteren Atombombe Nagasaki. Insgesamt mehr als 100.000 Menschen starben bei den Explosionen sofort – vor allem Zivilisten und Zwangsarbeiter aus Korea und China –, etwa 130.000 weitere bis Ende 1945. Über spätere Opfer existieren nur Schätzungen, gesundheitliche Spätfolgen, insbesondere Krebserkrankungen, werden bis heute registriert.
Auf der Internetseite — sind bundesweit mehr als 100 Veranstaltungen der Friedensbewegung gelistet, die bis zum kommenden Mittwoch in Klein- und Großstädten stattfinden. In allen Aufrufen zu den Kundgebungen findet sich die Forderung nach einem Beitritt der Bundesrepublik zum Atomwaffenverbotsvertrag (AVV), der 2021 in Kraft trat. Das Netzwerk Friedenskooperative in Bonn hält dazu aber fest: »Ganz im Gegenteil hat sich die Ampelregierung mit dem 100-Milliarden-Aufrüstungspaket dafür entschieden, neue Flugzeuge vom Typ F-35 anzuschaffen. Diese sollen die bisher für die nukleare Teilhabe zur Verfügung stehenden ›Tornados‹ ablösen. Damit werden die Weichen gestellt für eine jahrzehntelange Fortsetzung der nuklearen Teilhabe.«
Der evangelische Landesbischof und Friedensbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Friedrich Kramer, schloss sich in einer Erklärung zum Hiroshima-Tag der Forderung nach einem Verbot von Massenvernichtungswaffen und dem Beitritt zum AVV an: »Unser Ziel muss Global Zero, eine Welt ohne Atomwaffen sein. Diese Massenvernichtungsmittel gehören ebenso wie biologische und chemische Waffen völkerrechtlich geächtet.« Statt dessen erlebe die Welt aber, wie die Atommächte dabei seien, ihr Atomwaffenarsenal zu modernisieren und auszubauen. Kramer erinnerte an die Warnung des schwedischen Friedensforschungsinstituts SIPRI vom Juni, dass sich die Menschheit angesichts der zunehmenden Zahl von einsatzfähigen Atomwaffen in einer der gefährlichsten Perioden ihrer Geschichte befinde. Die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN) habe berichtet, dass die Atomstaaten mehr als 80 Milliarden US-Dollar in ihre Arsenale investieren würden und zum dritten Mal in Folge die Ausgaben für die Massenvernichtungswaffen gesteigert hätten.
Ausgerechnet in der vergangenen Woche erhöhte die deutsch-ukrainische Kriegslobby den Druck auf die Bundesregierung, deutsche Langstreckenmarschflugkörper vom Typ »Taurus« an Kiew zu liefern und damit auch die Atomkriegsgefahr zu erhöhen. Der ukrainische Botschafter in Berlin, Olexij Makejew, erklärte in mehreren Zeitungen, er hoffe, dass die »Taurus«-Lieferung nicht so lange dauere wie die Panzerdebatte. Der CDU-Abgeordnete Roderich Kiesewetter verlangte in der Welt am Sonntag, die Marschflugkörper mit einer Reichweite von 500 Kilometern »sofort« zu liefern. Das unterstützten auch Politiker der Koalition wie Marcus Faber (FDP), Agnieszka Brugger (Bündnis 90/Die Grünen) und Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP). Die Kampagne hatte die FAZ im Mai eröffnet, als sie die »Taurus« als »Game-Changer aus Deutschland« bezeichnete. Angeblich erteilte Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) den Forderungen eine Absage, tatsächlich erklärte er am Donnerstag beim Besuch einer Gebirgsjägerbrigade in Bayern: »Wir sind nach wie vor der Auffassung, dass das jetzt gerade nicht unsere vorrangigste Priorität hat.« Und: »Der Zeitpunkt für eine Entscheidung ist für uns noch nicht gekommen.«
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