
In Deutschland ist das anders. In diesem Moment, in dem ich das schreibe, zeigt das russische Fernsehen eine Trauerveranstaltung in Magdeburg. Hunderte seien gekommen, sagt der Moderator, die Kamera schwenkt über die Menschenmenge und dann auf Alice Weidel, die an einem Pult steht, auf dem das Logo ihrer Partei zu sehen ist. Es gibt offensichtlich keine gemeinsame Veranstaltung.
Das ist der große Unterschied. In Deutschland wird das traurige Ereignis sofort politisch instrumentalisiert. Nicht nur von der AfD – von allen. Fabio de Masi vom BSW beispielsweise hat unmittelbar einen Tweet veröffentlicht, der eine Verbindung des Täters zur AfD suggeriert. Andere standen diesem fragwürdigen Verhalten, das Attentat für Attacken gegen den politischen Gegner zu nutzen, in nichts nach. In Deutschland wird alles sofort politisiert.
Dort geht es um die Klärung einer abstrakten Schuldfrage. Welche Partei, welche Ideologie, welche Weltsicht ist für die Tragödie zur Verantwortung zu ziehen. Die Diskussion ist ohne Empathie und nicht in der Lage, etwas zu seelischen Heilung beizutragen. Ein Innehalten, wie es in Russland stattfand, gibt es in Deutschland nicht. Das ist ungesund für eine Gesellschaft.
Das alles findet zudem in einem Klima der gegenseitigen Ausgrenzung statt. in einer Atmosphäre, in der man nach Gründen für Parteiverbote sucht. Am Ende des Prozesses der Verarbeitung stand in Russland eine geeinte Nation. In Deutschland steht am Ende des Prozesses eine noch tiefer gespaltene Gesellschaft. In Deutschland erreicht der Terror sein Ziel, in Russland bisher nicht.
