Argentiniens Präsident Milei ruft mit Umbau der Militärführung Unruhe hervor. Das Heer des Landes wurde einst unter deutscher Anleitung modernisiert; „Germanophile“ boten NS-Verbrechern nach 1945 Zuflucht.
BUENOS AIRES/BERLIN (Eigener Bericht) – Offen antidemokratische Maßnahmen von Javier Milei, dem neuen Präsidenten Argentiniens, mit dem die Bundesregierung eine „enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit“ anstrebt, sorgen für Unruhe. Milei will sich vom Kongress ermächtigen lassen, für mindestens zwei Jahre per Dekret zu regieren. Parallel baut er die Führungsspitze der Streitkräfte radikal um, während Vizepräsidentin Victoria Villarruel auf eine Rehabilitierung der Militärdiktatur hinarbeitet. Argentiniens Streitkräfte waren in einer maßgeblichen Phase ihrer historischen Prägung starkem deutschen Einfluss ausgesetzt: Als sie seit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert modernisiert wurden, hatten deutsche Offiziere als Berater und Ausbilder prägende Funktionen inne. Historiker schreiben der Fraktion der „Germanophilen“ im argentinischen Heer bis 1945 eine tonangebende Rolle zu. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren Personen aus diesem Spektrum daran beteiligt, teilweise schwer belasteten NS-Verbrechern den Weg ins argentinische Exil zu bahnen. Zuflucht in dem südamerikanischen Land fanden neben vielen anderen Josef Mengele und Adolf Eichmann.
Tonangebende „Germanophile“
Erheblichen Einfluss auf die argentinischen Streitkräfte erhielt das Deutsche Reich um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, als Argentinien sein Heer gezielt zu modernisieren begann. Ziel war es, das Land, das damals über eine Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung oberhalb derjenigen Deutschlands und Frankreichs verfügte, zur Führungsmacht Südamerikas zu machen und außerdem auf globaler Ebene mit den Industriestaaten zu konkurrieren. Dabei setzte Buenos Aires nicht nur auf deutsche Waffen etwa von Krupp, sondern auch darauf, argentinische Offiziere im Deutschen Reich ausbilden zu lassen und insbesondere auch deutsche Militärs als Ausbilder und Berater ins Land zu holen. Bekannt ist Wilhelm Faupel, ein deutscher Militär, der sich an Kolonialkriegen in China und in Afrika beteiligt hatte – in China an der Niederschlagung des sogenannten Boxeraufstands, im heutigen Namibia am Genozid an den Herero und Nama –, bevor er von 1911 bis 1913 an einflussreicher Stelle in Argentinien als Ausbilder wirkte. „Einen großen Teil der von Deutschen ausgebildeten Offiziere“, so heißt es in einer Studie über die deutsch-argentinischen Militärbeziehungen, habe man „zu den ‘Germanophilen‘ rechnen“ können, „die im argentinischen Heer bis 1945 den Ton angaben“.[1]
Aus dem Freikorps nach Argentinien
„In den zwanziger Jahren“, heißt es in der Untersuchung weiter über die „Germanophilen“, „rückten … zahlreiche von Deutschen ausgebildete Offiziere in Schlüsselpositionen auf“. 1936 konnte sogar „mit Basilio Pertiné … ein führender Germanophiler zum Kriegsminister“ in Buenos Aires aufsteigen.[2] Von deutschen Ausbildern und Beratern geprägt, empfanden zu Beginn des Zweiten Weltkriegs Teile des argentinischen Offizierskorps „Sympathien … für das Deutsche Reich“; „Sympathiebekundungen argentinischer Offiziere für die Achsenmächte“ habe man in der bedeutendsten argentinischen Armeezeitung immer wieder lesen können, bis sich die deutsche Kriegsniederlage klar abgezeichnet habe. Auch der Grupo de Oficiales Unidos (GOU), ein Zusammenschluss von Offizieren, der sich 1943 per Putsch an die Macht brachte, umfasste eine Reihe prodeutscher Militärs, darunter Juan Perón, der 1946 zum Präsidenten Argentiniens aufstieg. „Intensive Kontakte“ zum GOU sowie zu Perón unterhielt nicht zuletzt Wilhelm Faupel.[3] Faupel hatte nach der Teilnahme am Ersten Weltkrieg ein Freikorps gegründet und sich am Kapp-Putsch beteiligt, bevor er als Berater erneut nach Argentinien ging. Nach 1933 wurde er erst Präsident des Ibero-Amerikanischen Instituts in Berlin, 1936 dann deutscher Botschafter in Spanien bei Francisco Franco.
Deutsche Spezialisten
Faupel wird zum Kreis derjenigen Nazis gerechnet, die nach dem Zweiten Weltkrieg begannen, die Verschiebung von NS-Guthaben nach Argentinien und die Flucht teilweise führender NS-Funktionäre in das südamerikanische Land zu organisieren. Perón wollte Europas Schwächephase nach den Verheerungen des Krieges nutzen, um Argentinien einen weltpolitischen Aufstieg zu einer Großmacht zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion ermöglichen. Dies veranlasste ihn unter anderem zu dem Versuch, NS-Wissenschaftler und -Rüstungsexperten ins Land zu holen, um Buenos Aires einen eigenen Zugriff auf die damaligen Spitzentechnologien zu eröffnen. In einigen Fällen hatte Perón damit Erfolg. So gelang es, Kurt Tank, den früheren Chefkonstrukteur der Bremer Focke-Wulf-Flugzeugwerke (1931 bis 1945), der für das NS-Reich Kampfflugzeuge gebaut sowie den Düsenjäger Ta 183 entworfen hatte, nach Argentinien zu holen.[4] Tank entwickelte in Córdoba nun – unter anderem auf der Grundlage von Unterlagen, die er aus Deutschland nach Argentinien geschmuggelt hatte – das Jagdflugzeug Pulqui II, das damals als eines der besten Jagdflugzeuge weltweit galt. Tank konnte sich dabei auf ein Team von rund 50 Spezialisten stützen, die größtenteils, wie er selbst, aus Deutschland kamen.
Hauptverantwortlicher der Shoah
Neben Spezialisten wie Tank und seinem Team fanden zahlreiche weitere Nazis Zuflucht in Argentinien, darunter Erich Priebke und Josef Mengele. Priebke nahm als Hauptsturmführer der SS unter anderem am Massaker in den Ardeatinischen Höhlen in Rom teil, bei dem 335 Zivilisten ermordet wurden. Er lebte bis 1994 unbehelligt in Argentinien, wurde erst 1994 entdeckt und 1998 in Italien zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt, die er allerdings wegen seines Gesundheitszustandes nicht verbüßen musste. Mengele betätigte sich als Lagerarzt im Vernichtungslager Auschwitz, wo er den Massenmord an den Juden begleitete und Häftlinge menschenverachtenden Experimenten unterwarf. Im Jahr 1960 zog er aus Argentinien nach Brasilien; dort starb er 1979 unentdeckt an einem Schlaganfall. Gleichfalls nach Argentinien fliehen konnte im Jahr 1950 Adolf Eichmann, der Cheforganisator der Deportation von Millionen Jüdinnen und Juden in die deutschen Vernichtungslager und einer der Hauptverantwortlichen der Shoah. Eichmann wurde schließlich in Argentinien entdeckt, im Jahr 1960 von israelischen Agenten nach Israel gebracht und dort vor Gericht gestellt. 1962 wurde er hingerichtet.[5]
„Ermächtigung der Streitkräfte“
Aktuell ruft in Argentinien Unruhe hervor, dass Präsident Javier Milei die Armeeführung radikal umbaut. So hat er an die Spitze aller drei Teilstreitkräfte neue Oberkommandierende gesetzt, den Oberbefehlshaber des gemeinsamen Generalstabs von Heer, Luftwaffe und Marine ausgetauscht sowie 22 Heeresgeneräle in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. „Dies entspricht zwei Dritteln des Führungsstabes“, heißt es in einem Bericht.[6] Zusätzlich sind auch im Verteidigungsministerium zahlreiche Posten, die bisher Zivilisten innehatten, an Militärs übertragen worden. „Seit der Rückkehr der Demokratie“, urteilt der Politologe Fabián Calle, „hatten die Militärs nicht mehr so viel Einfluss im Verteidigungsministerium wie jetzt. Dies ist ein klares Zeichen für die Ermächtigung der Streitkräfte“.[7] Über das konkrete Ziel der Maßnahmen wird spekuliert. Sie finden statt, während Vizepräsidentin Victoria Villarruel auf eine Rehabilitierung der Militärdiktatur hinarbeitet. Mit dieser kollaborierten auch bundesdeutsche Stellen. german-foreign-policy.com berichtet in Kürze.
Mehr zum Thema: „Vertrauensvolle Beziehungen“ (I).
[1], [2] Oliver Gliech: Die Deutsch-argentinischen Militärbeziehungen (1900-1945). In: Peter Birle (Hrsg.): Die Beziehungen zwischen Deutschland und Argentinien. Frankfurt am Main 2010. S. 75-95.
[3], [4] Frank Garbely: Evitas Geheimnis. Die Nazis, die Schweiz und Peróns Argentinien. Zürich 2003.
[5] Uki Goñi: Odessa. Die wahre Geschichte. Fluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher. Berlin/Hamburg 2006.
[6], [7] Christian Dürr: Argentinien: Regierung von Javier Milei baut Streitkräfte um. amerika21.de 06.01.2024.











