Von Max Erdinger

John Wayne (Mitte) in “Sands Of Iwo Jima”, 1949 (Foto:Imago)
Hilfreich sei “der Ami”, edel und gut. Dementsprechend auch das Narrativ über “den Ami”. Garant der Freiheit ist er, Befreier und Schutzmacht der Welt. Wie’s wohl kommt?
Dieses per Narrativ beförderte Image von “der Ami” ist in Europa sehr wahrscheinlich einer kollektiven Traumatisierung durch die beiden Weltkriege geschuldet, in Deutschland besonders durch den zweiten. Alles ist besser, größer und schöner in Amerika. Gerade die Deutschen suchten nach dem Untergang des Dritten Reichs nach einem neuen Vorbild. “Der Ami” als Generalbefreier. Seither ist das die vorherrschende Sicht auf Amerika. Als fragwürdiger Zeitgenosse gilt, wer diese Sichtweise nicht länger mehr teilt. Daß die Sowjetunion als einer der anderen Sieger im Zweiten Weltkrieg keine freiheitliche Alternative zu “der Ami” gewesen ist, stand allen Westdeutschen, die Verwandtschaft in der “Ostzone” hatten, allzu deutlich vor Augen. Das hat die Bewunderung für die amerikanische Freiheit noch einmal erheblich verstärkt. “Der Ami” wurde als Lehrmeister akzeptiert und als nur allzu natürlich kam es den Deutschen in der Bundesrepublik vor, daß ein solcherart “Edler” auch Weltpolizist gegen die Finsterlinge dieser Welt sein mußte. Wer denn sonst? “Der Ami” hatte die absolute moralische Überlegenheit. Das hat Konsequenzen bis heute. Der kollektive “Wertewesten” kann gar nicht anders, als immer “der Bessere” zu sein. Seine NATO ist ein Verteidigungsbündnis. Ein Hundsfott, wer behauptet, das sei Schönfärberei!
Aber was ist das heute?
Die Gewißheit, denkfaul an der Seite “des Amis” stehen zu dürfen, weil man damit sowieso auf der richtigen Seite steht, ist wiederum ursächlich für den fehlenden Widerstand gegen den schleichenden Verlust der Freiheit, die Zerstörung von Demokratie und Nationalstaatlichkeit, die Zwangsvereinheitlichung von Moralvorstellungen. BLM, Feminismus, Genderideologie, Diversity, die Islamisierung im Namen religiöser Toleranz, der Anti-Rassismus, die Rettung des Weltklimas, der Kampf gegen Rechts, die Zensur, die Aushebelung des Rechtsstaates und alles das: Nichts, worüber man sich ernsthaft Sorgen machen müsste, denn es ist doch so, daß wir alle ein wenig “Amerikaner” sind und dadurch immun. Wir sind Demokraten. Sind wir das? “Der Ami” ist wohl eine Art Narkosemittel für uns Europäer, besonders für die Deutschen. Es ist jedoch kein Zufall, dass die obengenannten Verfalls-Signale Denkweisen sind, die aus den USA nach Europa exportiert, resp. von Europäern importiert worden sind.
Es herrscht eine sehr eingeschränkte Wahrnehmung dessen, was die USA heute selbst sind: Eine zutiefst gespaltene Nation. Die eingeschränkte Wahrnehmung bezüglich der Vereinigten Staaten ist die größte Gefahr überhaupt. Trotz dieser Einschränkung wird das Handeln europäischer Politiker in seiner gnadenlos anmaßenden Selbstüberschätzung als “moralisch” legitimiert begriffen. Realiter ist es inzwischen völlig anders. Dadurch, daß “der Ami” zum Bestandteil einer kollektiven europäischen Identität geworden ist, scheint es unmöglich geworden zu sein, ihn vermittels einer schonungslosen Analyse zu identifizieren als das, was er heute tatsächlich ist. Gerade in den vergangenen dreißig Jahren, seitdem sich die USA als einzig verbliebene Supermacht begriffen haben, reihte sich ein kriegerisches Verbrechen an das andere. Wo das nicht zu leugnen war, galten sie noch immer als das “kleinere Übel”.
Identität
Diese fast schon dogmatisch zu nennende Amerikagläubigkeit der Europäer bringt als Nebeneffekt aber auch die Zerstörung europäischer Identitäten mit sich. Es hat fast den Anschein, als solle das amerikanische Modell dem Rest der Welt in geradezu brutaler, rücksichtsloser, identitätsloser, globalistischer Weise aufgezwungen werden, obwohl die Vereinigten Staaten als Nation etwas Künstliches sind, etwas, das sich nur auf ein Stück Papier gründet, die US-Verfassung. Die ist zwar im europäischen Geiste entstanden, aber mit der fortschreitenden Diversifikation in alle möglichen – und vor allem “gleichberechtigten” Kulturen verliert sie von Jahr zu Jahr mehr von ihrer einigenden Kraft. Um sie dennoch weiterhin aufrecht zu erhalten, sind Amerikaner gezwungen, sich an sie zu klammern wie der Ertrinkende an den sprichwörtlichen Strohhalm.
Sie haben keine andere Wahl, keinen kulturellen Konsens, dem die Verfassung nachgeordnet wäre. Die Methoden beim Zwang unter die Verfassung werden zwangsweise zu solchen, die dem Geist der US-Verfassung immer stärker widersprechen müssen. Wo Gleichheit nicht existiert, aber verfassungskonstituierend ist, muß sie mit Gewalt erzwungen werden, resp. die Ungleichheit muß negiert werden, auch gegen alle Evidenz. Auf eine solche Weise wird selbst eine als freiheitlich gedachte Verfassung paradoxerweise totalitär.
Im Grunde amerikanisch: Der Globalismus
Das globalistische Konstrukt atmet diesen zum Scheitern verurteilten Geist der amerikanischen Verfassung. Alle Menschen sind gleich. Alle müssen sie sich einer “regelbasierten Ordnung” unterwerfen, in der die Regeln eben “amerikanische” sind. Ist eine solche Überlegung “Antiamerikanismus”? – Nein. Die amerikanische Idee würde ja rein formal funktionieren, wenn sich alle den Regeln der Amerikaner unterwerfen würden – und zwar ungeachtet ihrer jeweiligen religiösen und kulturellen Traditionen und Gebräuche. Das wird aber nicht passieren. Kulturelle Unterschiede lassen sich nicht unter einem Stück Papier ersticken.
Die Menschenrechte zum Beispiel sind mit Sicherheit keine islamische Erfindung. Moslems sind allerdings Menschen. Es ist gerade die aufgezwungene Globalisierung, die einen Antiamerikanismus befördert, der in einer multipolaren Welt überflüssig wäre. Solange aber der in Amerika selbst weit verbreitete Glaube an den amerikanischen Exzeptionalismus, – der Glaube daran, die Auserwählten zu sein, die in “Gods Own Country” leben also – , nicht als Ursache allen Übels erkannt wird, wird auch eine “Fanbase” wie die deutsche – gerade sie! – jeden bekämpfen, der den amerikanischen Teil ihrer Identität in Frage stellt oder gar angreift.
Vorsicht, Falle!
In letzter Konsequenz bedeutet das gerade zur Zeit, daß sich Deutsche viele neue Feinde überall auf der Welt schaffen, obwohl sie ja ihrer denkfaulen Überzeugung nach gar niemandem “etwas Schlechtes” wollen. Das ist eigentlich eine Tragödie. Eine indirekte Spätfolge des Dritten Reichs. Wer wären “wir” denn, wenn “wir” nicht zwanghaft “die Guten” wären? Zu beobachten ist eine fast infantile Scheu, “den Ami” infrage zu stellen. Warum? Überspitzt ausgedrückt ist es wohl so: Nazi wollen wir ja nicht sein. Auf gar keinen Fall. Das wäre wirklich das Allerletzte. Also sind wir eben deutsche Amerikaner. In diesen Extremen denken viele Deutsche. Und jetzt sollen wir Amerikaner auch nicht mehr sein? Das sind gar nicht mehr “die Guten”? Das will und will lieber niemand wahrhaben. Dennoch ist es so.
Die Amerikaner des Jahres 2023 sind nicht mehr die Guten. Und in der Ukraine haben nicht “keine Nazis” das Sagen – sondern die haben dort sehr wohl das Sagen! Den Amis ist das aber völlig egal. Nur: Für uns Deutsche darf das nie und nimmer wahr sein. Wen würden “wir” denn unterstützen? Gut wäre daher, wenn man wüsste, wer man selbst ist. Ein Blick nach Russland könnte deshalb einen gewissen “Aha-Efekt” haben. Die Russen wissen, wer sie sind. Die Amerikaner wissen es immer weniger. Der kollektive Westen driftet ab in eine sehr gefährliche Illusion über sich selbst. Im Rahmen dieser illusionären Selbstüberschätzung redet er sich vermutlich auch die NATO mächtiger als sie realiter sein dürfte. Für “das Militär der Gerechten” hält er sie ohnehin.
Transatlantizismus ist von gestern
Deshalb, allen Ernstes: Wer heute noch bedingungsloser Transatlantiker ist, hat den Schuß nicht gehört. “Der Ami” bevölkert ein sinkendes Schiff. Damit es langsamer sinken soll, wirft er die ach-so mit ihm “befreundeten” Europäer erst einmal über Bord. Sie sind Ballast geworden, mehr wirtschaftlicher Konkurrent denn Freund. “Der Ami” ist nicht unser Freund. Wir sollten dringend damit aufhören, ihm nützlich zu sein. Es ist höchste Zeit, eigene Interessen zu formulieren und sie dann auch durchzusetzen. Schon wegen der geographischen Lage auf dem Globus führt für uns Europäer kein Weg an einem guten Verhältnis zu Russland vorbei. Da es aber keine europäische Identität gibt, bleibt nur die der jeweiligen europäischen Nationen – und ihr je eigenes Verhältnis zu Russland. Eine europäische Identität ergäbe sich allenfalls aus der je nationalen Sympathie für die kulturelle und sprachliche Vielfalt des eigenen Kontinents. Wir sind eben nicht die Vereinigten Staaten von Europa – und wir werden es auch nie werden. Dazu sind wir zu verschieden. Gleichwohl sind wir natürlich Europäer – oder besser: Genau deswegen. Wäre eine europäische Identität denkbar, dann müsste es wohl eine sein, die nicht auf der Gleichheit fußt, sondern auf der Verschiedenheit. Eine EU, die nivellieren will, ist im Grunde ein kulturelles Krebsgeschwür und total antieuropäisch, ihrer Idee nach dafür aber sehr “amerikanisch”.
Europa ist sehr viel mehr als ein Verwaltungsgebiet von Technokraten. Und wir Deutschen sind ein elementarer Teil davon. Europa ist nicht irgendein Weltgebiet für irgendwelche “die Menschen”. Globalismus ist nichts für unsereinen. Deshalb sollten wir uns den auch nicht aufzwingen lassen. Ganz im Gegenteil. Wir sollten uns mit Händen und Füßen dagegen wehren. Doch nur, weil wir keine Amerikaner sind, sind wir noch lange keine Antiamerikaner. Vielleicht begreift ja sogar “” eines Tages, daß er nicht zum Vorbild für alle taugt – und daß ihm niemand übel will, nur weil er nicht zum Vorbild taugt.




Vollkommen egal, wer (Grün, Blau, Rot, Schwarz, Gelb …) sich als Agenda-Angestellter hergibt, hier liegt die wahre Verpflichtung, niemals aber für uns, die Menschen im Lande!











