Jeffrey Sachs: Ja, vielleicht, weil ich zu viel über die Vereinigten Staaten weiß. Denn der erste Krieg in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg war die 78-tägige Bombardierung Belgrads durch die USA mit dem Ziel, die Grenzen eines europäischen Staates zu verändern. Die Idee bestand darin, Serbien zu zerschlagen, den Kosovo als Enklave zu schaffen und dann im Südwesten des Balkans Bondsteel zu errichten, den größten NATO-Stützpunkt auf dem Balkan. Die USA haben also unter Clinton damit begonnen, dass wir Wenn wir die Grenzen durchbrechen, werden wir ein anderes Land illegal bombardieren. Wir hatten keinerlei UN-Autorität.
Dies war eine NATO-Mission zu diesem Zweck.
Dann weiß ich, dass die Vereinigten Staaten wiederholt in den Krieg zogen, illegal, in dem, was es in Afghanistan getan hat und was dann es im Irak getan hat und dann in Syrien, nämlich die Obama-Regierung, insbesondere Obama und Hillary Clinton beauftragte die CIA, Baschar al-Assad zu stürzen. Und dann die illegalen Bombenangriffe der NATO auf Libyen zum Sturz von Muammar Gaddafi und schließlich die Ereignisse in Kiew im Februar 2014. Einiges davon habe ich zufällig mit eigenen Augen gesehen. Die USA stürzten Janukowitsch gemeinsam mit rechtsgerichteten ukrainischen Streitkräften. Wir haben einen Präsidenten gestürzt.
Und was übrigens interessant ist, wir haben den legitim gewählten Präsidenten gestürzt: Einen Tag zuvor hatten sich Vertreter der Europäischen Union und Janukowitsch auf vorgezogene Wahlen, die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit und einen Rückzug beider Seiten geeinigt. Das nächste, was passiert, ist, dass die Opposition, in Anführungszeichen, sagt: „Wir sind nicht einverstanden.“ Sie stürmten die Regierungsgebäude und setzten Janukowitsch ab. Und innerhalb weniger Stunden sagen die Vereinigten Staaten: Ja, wir unterstützen die neue Regierung. Darin hieß es nicht: „Oh, wir hatten eine Vereinbarung, und das, was Sie getan haben, ist verfassungswidrig.“
Wir haben also eine Regierung gestürzt, gegen eine Versprechen der Europäischen Union. Und übrigens, Russland, die Vereinigten Staaten, und die EU waren Vertragsparteien dieses Abkommens. Und die Vereinigten Staaten. Eine Stunde später unterstützten die USA den Putsch. Okay, jeder hat also ein bisschen Verantwortung zu übernehmen.
2015 haben die Russen nicht gesagt: „Wir wollen den Donbass zurück.“ Sie sagten, Frieden könne durch Verhandlungen erreicht werden. Und die Verhandlungen zwischen den ethnischen Russen in der im Osten der Ukraine und dieses neue Regime in Kiew führten zum Minsk-II-Abkommen. Das Minsk-II-Abkommen wurde vom UN-Sicherheitsrat einstimmig angenommen. Es wurde von der Regierung der Ukraine unterzeichnet. Und von Deutschland und Frankreich ausdrücklich garantiert.
Und wissen Sie? Und es wurde mir persönlich erklärt. Innerhalb der US-Regierung wurde darüber gelacht. Dies geschah, nachdem der UN-Sicherheitsrat es einstimmig angenommen hatte. Die Ukrainer sagten: „Wir wollen der Region keine Autonomie gewähren.“ Oh, aber das ist Teil des Vertrags. Die USA sagten ihnen, sie sollten sich keine Sorgen machen.
Dies erklärte Angela Merkel in einem berüchtigten Interview der „Zeit“ nach der Eskalation im Jahr 2022. Sie sagte: „Oh, wissen Sie, wir wussten, dass Minsk II nur eine Warteschleife war, um der Ukraine Zeit zu geben, ihre Stärke auszubauen.“ Nein, auch Minsk war ein UN-Sicherheitsrat einstimmig angenommener Vertrag, der den Krieg beenden sollte. Wenn es also darum geht, wer vertrauenswürdig ist, wem man glauben kann, und so weiter. Ich schätze, mein Problem, Piers, ist, dass ich die Regierung der Vereinigten Staaten kenne, ich kenne sie sehr gut. Ich vertraue ihnen keinen einzigen Augenblick. Ich möchte, dass diese beiden Seiten tatsächlich vorne sitzen der ganzen Welt und sagen: Das sind die Bedingungen. Dann kann die Welt urteilen, denn das könnten wir.
Auf dem Papier ist für beide Seiten dann ganz klar: Wir werden keine Regierungen mehr stürzen. Die Vereinigten Staaten müssten sagen: „Wir akzeptieren dieses Abkommen.“ Die Vereinigten Staaten müssen es sagen, und Russland muss sagen, wir werden keinen Schritt weiter gehen als die tatsächlich erreichte Grenze, und die NATO wird sich nicht erweitern.
Lassen Sie uns ab und zu der ganzen Welt zeigen, dass Verträge tatsächlich gelten.
Washington reportedly did not see Moscow’s outreach to Beijing and Pyongyang coming
Moscow’s security partnerships with Beijing, Pyongyang and other US “adversaries” were not anticipated by Washington, the Wall Street Journal has reported, citing anonymous intelligence sources.
Russian President Vladimir Putin signed a strategic partnership and mutual defense treaty with the Democratic People’s Republic of Korea on Wednesday, before flying on to Vietnam. Putin’s trip to China last month prompted one US policymaker to declare that decades of American efforts to keep Moscow and Beijing apart have come to naught.
“The speed and depth of the expanding security ties involving the US adversaries has at times surprised American intelligence analysts. Russia and the other nations have set aside historic frictions to collectively counter what they regard as a US-dominated global system, they said,” the WSJ reported
Washington has accused Pyongyang of “sending workers to Russia to help man weapons production lines,” as well as selling missiles and artillery shells to Moscow, for use against Ukraine.
The US also believes China has enabled Russia’s military industry to circumvent Western sanctions, by delivering “massive quantities of dual-use equipment, including machine tools, microelectronics … optics for tanks and armored vehicles, and turbo engines for cruise missiles,” according to the Journal’s sources. They also alleged that China has helped Russia “improve its satellite and other space-based capabilities for use in Ukraine.”
Beijing has rejected US allegations, called the sanctions unilateral and illegitimate, and accused Washington of hypocrisy for fueling the conflict by arming and supplying Kiev.
Iran has become “Russia’s primary weapons supplier,” unnamed Pentagon officials told the Journal, accusing Tehran of helping build a factory in Tatarstan Region capable of making Shahed-136 drones by the thousands.
Russia’s “expanded security ties” with the DPRK, China and Iran don’t amount to a NATO-like military alliance but appear to be “a series of bilateral exchanges,” anonymous Americans told the Journal. The technology transfers involved risk improving the long-term capabilities of all countries involved, thereby threatening the US, they added.
Earlier this month, at the St. Petersburg International Economic Forum, Putin announced that Russia’s strategy of economic relations with the ‘Global South’ would involve partnerships based on “technology and competency transfers rather than market control.”
Moscow has also signaled it would turn to the ‘Global South’, which has been alienated by the West’s behavior in the Ukraine conflict. The attempts by the US and its allies to isolate Russia have suffered a “complete failure,” Russian Foreign Minister Sergey Lavrov said in February.
Am 22. Juni 1941 begann der Angriffskrieg Nazideutschlands gegen die Sowjetunion mit dem Ziel der „Vernichtung der Lebenskraft Russlands“ – wie Hitler es formuliert hatte.
Heute ist Deutschland aktiver Teil der US-geführten Kriegsallianz gegen Russland und trägt maßgeblich zur weiteren Eskalation des Ukraine-Krieges bei. Nicht nur die Bundeswehr, auch die Bevölkerung unseres Landes soll gegen Russland „kriegstüchtig“ gemacht werden, so Minister Pistorius.
Um das zu erreichen, bedient sich die Regierung der Einschränkung der Meinungsfreiheit sowie der mangelhaften bis falschen Information der Bevölkerung. Wir möchten darum auch am diesjährigen 22. Juni der herrschenden politischen Meinung entgegentreten, indem wir an zwei Aktionen erinnern, die dem Gedenken an den deutschen faschistischen Überfall auf die Sowjetunion gewidmet sind:
Am 22. Juni 2022 organisierte die Friedenskoordination Berlin eine Kundgebung am Sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park. Dort hielt u.a. Heinrich Bücker (Coop Anti-War Café) eine Rede, die hier zu sehen ist: https://www.youtube.com/watch?v=BshdbeMaM50.
Wegen dieser Rede wurde gegen ihn einige Monate später ein Gerichtsverfahren eingeleitet, das bis heute noch nicht abgeschlossen ist. Alle Informationen dazu hier: https://kurzelinks.de/strafverfahren
Am 22. Juni 2023 veröffentlichte die Initiative „Meinungsfreiheit verteidigen“ in Zusammenarbeit mit der Friedenskoordination Berlin ein Video – eine Inszenierung mit verteilten Rollen – das von Heiner Bücker am Sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Treptow gedreht wurde. Ausgehend vom historischen Gedenken werden darin von namhaften Politikern und Politikerinnen sowie Militärs Fakten und Aussagen zum aktuellen Geschehen in der Ukraine und der deutschen Verantwortung aufgezeigt, die in den öffentlichen Medien nicht vorkommen, aber zur Meinungsbildung über die gegenwärtige Lage erforderlich sind.
Wir erlauben uns, dieses Video, das an Aktualität nichts eingebüßt hat, noch einmal zu versenden und bitten darum, eurerseits zu seiner größtmöglichen Verbreitung über Eure Listen beizutragen. Gegeninformation ist unsere wichtigste Aufgabe!
Eine Bemerkung zu Tino Eisbrenner und der Musik im Anschluss an das Aktions-Video: Tino Eisbrenner sang das populäre russische Antikriegslied „Die Kraniche“ gemeinsam mit der russischen Sängerin Zara bei einem Musikfestival im Mai 2023 in Moskau. Er wurde für seine deutsche Gestaltung des Textes ausgezeichnet. Wir danken dem Künstler, dass wir das Lied einspielen durften. Kunst ist geeignet, Brücken zu bauen, und in diesem Sinne ist Tino Eisbrenner ein Brückenbauer.
It’s a racism scandal that has helped enable a genocide
Back in 2020, when a leaked internal report showed that Sir Keir Starmer’s faction of the Labour Party was not only hostile towards black and brown people, but had weaponised anti-Semitism for political gain, the Labour leader promised a fully independent investigation into the previous investigation that had come up with findings he didn’t like.
It seemed Starmer was hoping an investigation into the investigation would come up with answers he did like, which he could use to show his opponents were the real racists. Starmer commissioned a black KC called Martin Forde to give the new investigation a veneer of credibility, but clearly he hoped that someone politically aligned with him would follow the script.
Starmer did not reckon with Martin Forde KC having the integrity to understand that institutional racism cannot be ignored for the sake of petty factionalism. Martin Forde KC’s investigation into the investigation blew the lid off Starmer’s narrative and exposed his grotesque lies. This truly was a national scandal so the mainstream media naturally ignored it. After all, they could not notify the public of something that corroborates what Jeremy Corbyn’s allies have been saying for years. They could not admit they were lying too. The mainstream media were complicit in Labour’s institutional racism and accomplices in the anti-Semitism smears.
Now that the investigation into the investigation had revealed the truth, you would think Starmer would at least have the dignity to say something mealy-mouthed to suggest lessons had been learned. Instead, he decided to sue the people suspected of leaking the original report, despite not having a shred of evidence, and he spent so much doing so, he put the financially struggling Labour at risk of bankruptcy. He recently dropped the case after being told by his own lawyers he had no chance of winning.
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Martin Forde KC was left so frustrated by Starmer’s failure to acknowledge the 165 recommendations in his report that he did an interview with the only media organisation willing to hear him out: Al Jazeera.
“In March 2023, Mr Forde gave an interview to Al Jazeera in which he said that no one from Labour had been willing to discuss the recommendations further and highlighted concerns raised by ethnic minority politicians within Labour about racism in the party.”
The one news organisation giving us the truth about the genocide in the Middle East was also the one news organisation telling the truth about Labour anti-Semitism allegations. The common thread here is that Al Jazeera exposes Zionist lies while everyone else goes along with them. This is why Israel declared Al Jazeera a terrorist organisation. The next UK government is about to be formed by a faction called Labour Friends of Israel. This should help explain the viciousness with which these people went after the alleged leakers.
What we did not know at the time was that not only were they going after the report leakers, they were going after Martin Forde KC himself, only they were doing so quietly. It would be absurd to accuse Forde of being some anti-Semitic conspirator when he was commissioned by Sir Keir Starmer, so instead Labour sent him letters threatening him to keep his mouth shut.
“I was surprised to receive those letters, and was also surprised by the tone and content, because I thought I had a sufficiently good working relationship with the general secretary for him simply to ask me what I’d said,” adding: “All he had to do was pick up the phone.”
Everyone who exposes Zionist lies becomes the victim of attacks, even if they’re friends of the Zionists themselves. These people will turn on you in a heartbeat.
The Independent explained how Martin Forde KC was warned by lawyers he was acting “against the party’s interests” by telling the truth and Labour was “considering all of its options”. In other words, Martin Forde KC was expected to cover up racist bullying and anti-Semitism smears. This expectation in itself is racist, but don’t expect an investigation from the EHRC any time soon (they only go after people with politics they don’t like).
“Lawyers accused Mr Forde of having made ‘extensive negative and highly prejudicial comments’ and questioned his professional conduct.”
Martin Forde KC was described as “irritated” and told The Independent Labour can’t silence him. He said:
“I don’t know if it was an attempt to silence me. I mean, they’ve couched it carefully along the lines of ‘We’re reminding you of your professional duties,’ which I found mildly irritating because I am a regulatory lawyer, and I don’t like my professionalism or ethics being questioned .. but I felt it was more.
“I’m a private individual; they can’t silence me. I fundamentally object to people saying to me, ‘You don’t know how to behave as a professional.’ I’m afraid that Black professionals get it all the time.”
Martin Forde KC’s report found that Labour was an “unwelcoming place for people of colour” and you only have to look at the purge of black and brown parliamentary candidates and councillors as proof.
Forde pointed out “quite a high proportion of Black and Asian councillors or prospective MPs felt they’d been subjected to disciplinary action which had been deliberately timed to exclude them from qualifying processes or selection”. This is undeniable, given the number of people it has happened to at the very last moment.
The targeting of Diane Abbott and Faiza Shaheen is just the tip of the iceberg. No racial minority is safe, ironically not even Jews, who’ve been expelled from Labour at the highest rate in the party’s history since Starmer came to power. The man who cares so deeply about anti-Semitism will not tolerate any Jew who disagrees with him.
Martin Forde KC has lamented the lack of internal debate and engagement over his report — in other words, the Labour Party has ignored the findings of a regulatory lawyer over racism. They basically did what they accused Jeremy Corbyn of doing. It comes back to that old adage, every Zionist accusation is a projection. Forde described Labour’s anti-Semitism training as “largely didactic, top-down and one-dimensional”. The truth is the training was designed to tackle anti-Zionism rather than anti-Semitism.
The Independent reports that Labour’s National Executive Committee had repeatedly invited Martin Forde KC to meetings to discuss his findings, but Starmer and his team blocked the invites. Forde got his lawyers to respond to Labour’s threatening letters, telling them their accusations were “baseless” and they backed down. They knew this was another fight they could not win, and by even trying to sue, they would be exposed.
Imagine Corbyn had commissioned a Jewish Lawyer to investigate anti-Semitism accusations and he uncovered clear evidence Corbyn’s team had been involved in anti-Semitic bullying, smeared the victims as racists and purged them from the party. Imagine Corbyn then threatened the lawyer. Imagine the media outcry. The double-standard could not be more pronounced.
The Independent mentions a racism hierarchy in Labour, but the racism hierarchy is also in the media and in society itself. This is the real scandal — and the scandal is so serious because we’re not just talking about hurt feelings, we’re talking about a scandal which has led to our two biggest parties supporting a genocide and denouncing anyone who opposes the genocide of being anti-Semites. It’s a racism scandal that has led to tens of thousands of deaths because make no mistake, Israel would not be acting the way it does without the support of our political establishment. This is surely the UK’s biggest racism scandal in memory and most of the public do not even know it has taken place.
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Die Schriftstellerin und Literatur Nobelpreis-Trägerin Herta Müller am 20. November 2020 bei einem Portraitshooting in Berlin. Foto IMAGO / Funke Foto Services
Lesezeit: 13 Minuten
Sie ist eine der grössten deutschen Schriftstellerinnen der Gegenwart. Jetzt hat die Nobelpreisträgerin Herta Müller einen schockierenden Weckruf an den Westen geschrieben – Der Wahnsinn, der Teile der westlichen Gesellschaft seit dem Angriff der Hamas auf Israel erfasst hat:
In den meisten Berichten über den Krieg in Gaza beginnt der Krieg nicht dort, wo er begonnen hat. Der Krieg hat nicht in Gaza begonnen. Der Krieg begann am 7. Oktober, genau 50 Jahre nach dem Einmarsch Ägyptens und Syriens in Israel. Palästinensische Hamas-Terroristen verübten ein unvorstellbares Massaker in Israel. Sie filmten sich selbst als Helden und feierten ihr Blutbad. Ihre Siegesfeiern setzten sich zu Hause im Gazastreifen fort, wo die Terroristen schwer misshandelte Geiseln verschleppten und sie der jubelnden palästinensischen Bevölkerung als Kriegsbeute präsentierten. Dieser makabre Jubel reichte bis nach Berlin. Im Bezirk Neukölln wurde auf den Strassen getanzt und die palästinensische Organisation Samidoun verteilte Süssigkeiten. Im Internet häuften sich die fröhlichen Kommentare.
Mehr als 1.200 Menschen starben bei dem Massaker. Nach Folter, Verstümmelung und Vergewaltigung wurden 239 Menschen verschleppt. Dieses Massaker der Hamas ist eine totale Entgleisung der Zivilisation. In diesem Blutrausch liegt ein archaischer Schrecken, den ich in der heutigen Zeit nicht mehr für möglich gehalten hätte. Dieses Massaker hat das Muster der Vernichtung durch Pogrome, ein Muster, das die Juden seit Jahrhunderten kennen. Deshalb ist das ganze Land traumatisiert, denn die Gründung des Staates Israel sollte vor solchen Pogromen schützen. Und bis zum 7. Oktober glaubte man, dass er geschützt sei. Dabei sitzt die Hamas dem Staat Israel schon seit 1987 im Nacken. In der Gründungscharta der Hamas wurde die Vernichtung der Juden klar als Ziel genannt, und “der Tod für Gott ist unser edelster Wunsch”.
Auch wenn diese Charta seither geändert wurde, ist klar, dass sich nichts geändert hat: Die Vernichtung der Juden und die Zerstörung Israels sind nach wie vor das Ziel und der Wunsch der Hamas. Das ist genau dasselbe wie im Iran. Auch in der Islamischen Republik Iran ist die Vernichtung der Juden seit ihrer Gründung, d.h. seit 1979, Staatsdoktrin.
Wenn es um den Terror der Hamas geht, sollte der Iran immer mit in die Diskussion einbezogen werden. Es gelten die gleichen Prinzipien, weshalb der grosse Bruder Iran den kleinen Bruder Hamas finanziert, bewaffnet und zu seinem Handlanger macht. Beide sind gnadenlose Diktaturen. Und wir wissen, dass alle Diktatoren immer radikaler werden, je länger sie regieren. Heute besteht die Regierung des Iran ausschliesslich aus Hardlinern. Der Staat der Mullahs mit seinen Revolutionsgarden ist eine skrupellose, expandierende Militärdiktatur. Die Religion ist nur noch ein Deckmantel. Der politische Islam bedeutet Menschenverachtung, öffentliche Auspeitschungen, Todesurteile und Hinrichtungen im Namen Gottes. Der Iran ist vom Krieg besessen, tut aber gleichzeitig so, als ob er keine Atomwaffen bauen würde. Der Gründer der so genannten Theokratie, Ayatollah Khomeini, erliess ein religiöses Dekret, eine Fatwa, die besagt, dass Atomwaffen unislamisch sind.
Im Jahr 2002 hatten internationale Inspektoren bereits Beweise für ein geheimes Atomwaffenprogramm im Iran aufgedeckt. Ein Russe wurde angeheuert, um die Bombe zu entwickeln. Der Experte aus der sowjetischen Kernwaffenforschung war jahrelang im Iran tätig. Es scheint, dass der Iran nach dem Vorbild Nordkoreas eine nukleare Abschreckung anstrebt – und das ist ein beängstigender Gedanke. Vor allem für Israel, aber auch für die ganze Welt.
Die Kriegsbesessenheit der Mullahs und der Hamas ist so dominant, dass sie – wenn es um die Ausrottung der Juden geht – sogar die religiöse Kluft zwischen Schiiten und Sunniten überwindet. Alles andere wird dieser Kriegsbesessenheit untergeordnet. Die Bevölkerung wird absichtlich in Armut gehalten, während gleichzeitig der Reichtum der Hamas-Führung ins Unermessliche steigt – in Katar soll Ismael Haniye über Milliarden verfügen. Und die Verachtung für die Menschen kennt keine Grenzen. Für die Bevölkerung gibt es fast nur noch den Märtyrertod. Militär plus Religion als lückenlose Überwachung. In der palästinensischen Politik in Gaza gibt es buchstäblich keinen Platz für abweichende Meinungen. Die Hamas hat mit unglaublicher Brutalität alle anderen politischen Strömungen aus dem Gaza-Streifen vertrieben. Nach dem Rückzug Israels aus dem Gazastreifen im Jahr 2007 wurden Fatah-Mitglieder zur Abschreckung von einem fünfzehnstöckigen Gebäude geworfen.
Unsere Gefühle sind ihre stärkste Waffe
Auf diese Weise hat die Hamas die Kontrolle über den gesamten Gazastreifen übernommen und eine unangefochtene Diktatur errichtet. Unangefochten, weil niemand, der sie in Frage stellt, lange lebt. Statt eines sozialen Netzes für die Bevölkerung hat die Hamas ein Netz von Tunneln unter den Füssen der Palästinenser gebaut. Selbst unter Krankenhäusern, Schulen und Kindergärten, die von der internationalen Gemeinschaft finanziert werden. Gaza ist eine einzige Militärkaserne, ein tiefer Staat des Antisemitismus im Untergrund. Vollständig und doch unsichtbar. Im Iran gibt es ein Sprichwort: Israel braucht seine Waffen, um sein Volk zu schützen. Und die Hamas braucht ihr Volk, um ihre Waffen zu schützen.
Dieses Sprichwort ist die kürzeste Beschreibung des Dilemmas, dass man in Gaza das Zivile nicht vom Militärischen trennen kann. Und das gilt nicht nur für die Gebäude, sondern auch für das Personal in den Gebäuden. Die israelische Armee wurde bei ihrer Reaktion auf den 7. Oktober in diese Falle gelockt. Nicht gelockt, sondern gezwungen. Gezwungen, sich zu verteidigen und sich durch die Zerstörung der Infrastruktur mit all den zivilen Opfern schuldig zu machen. Und genau diese Unvermeidbarkeit wollte und nutzt die Hamas aus. Seither steuert sie die Nachrichten, die in die Welt hinausgehen. Der Anblick des Leids beunruhigt uns täglich. Doch kein Kriegsreporter kann in Gaza unabhängig arbeiten. Die Hamas kontrolliert die Auswahl der Bilder und orchestriert unsere Gefühle. Unsere Gefühle sind ihre stärkste Waffe gegen Israel. Und durch die Auswahl der Bilder gelingt es ihr sogar, sich als alleiniger Verteidiger der Palästinenser darzustellen. Dieses zynische Kalkül hat sich ausgezahlt.
“Ganz normale Männer”
Seit dem 7. Oktober denke ich immer wieder über ein Buch über die Nazizeit nach, das Buch “Ganz normale Männer” von Christopher R. Browning. Er beschreibt die Vernichtung jüdischer Dörfer in Polen durch das Reserve-Polizeibataillon 110, als es die grossen Gaskammern und Krematorien in Auschwitz noch nicht gab. Es war wie der Blutrausch der Hamas-Terroristen auf dem Musikfestival und in den Kibbuzim. An nur einem Tag im Juli 1942 wurden die 1.500 jüdischen Einwohner des Dorfes Józefów abgeschlachtet. Kinder und Säuglinge wurden auf der Strasse vor ihren Häusern erschossen, die Alten und Kranken in ihren Betten. Alle anderen wurden in den Wald getrieben, wo sie sich nackt ausziehen und auf dem Boden herumkriechen mussten. Sie wurden verhöhnt und gefoltert, dann erschossen und in einem blutigen Wald liegen gelassen. Das Morden wurde pervers.
Das Buch heisst “Ganz normale Männer”, weil dieses Reserve-Polizeibataillon nicht aus SS-Männern oder Wehrmachtssoldaten bestand, sondern aus Zivilisten, die wegen ihres Alters nicht mehr für den Militärdienst geeignet waren. Sie kamen aus ganz normalen Berufen und wurden zu Monstern. Erst 1962 kam es zu einem Prozess in diesem Fall von Kriegsverbrechen. Aus den Prozessakten geht hervor, dass einige der Männer “einen Riesenspass an der ganzen Sache hatten”. Der Sadismus ging so weit, dass ein frisch verheirateter Hauptmann seine Frau zu den Massakern mitbrachte, um ihre Flitterwochen zu feiern. Denn der Blutrausch ging in anderen Dörfern weiter. Und die Frau schlenderte in ihrem mitgebrachten weissen Hochzeitskleid zwischen den auf dem Marktplatz zusammengepferchten Juden umher. Sie war nicht die einzige Ehefrau, die zu Besuch kommen durfte. In den Prozessunterlagen berichtet die Frau eines Leutnants: “Eines Morgens sass ich mit meinem Mann im Garten seiner Unterkunft und frühstückte, als ein einfacher Mann aus seinem Zug an uns herantrat, eine steife Haltung einnahm und erklärte: ‘Herr Leutnant, ich habe noch nicht gefrühstückt! Als mein Mann ihn fragend ansah, erklärte er weiter: “Ich habe noch keinen Juden getötet.
Sie sind sich ihrer Freiheit nicht mehr bewusst
Ist es richtig, am 7. Oktober an die Nazimassaker zu denken? Ich denke, es ist richtig, weil die Hamas selbst die Erinnerung an die Shoah wachrufen wollte. Und sie wollte zeigen, dass der Staat Israel keine Garantie mehr für das Überleben der Juden ist. Dass ihr Staat eine Fata Morgana ist, dass er sie nicht retten wird. Die Logik verbietet es uns, das Wort Shoah in die Nähe zu bringen. Aber warum muss sie es verbieten? Weil das Gefühl, das man hat, sich dieser pulsierenden Nähe nicht entziehen kann.
Und dann fällt mir noch etwas ein, das mich an die Nazis erinnert: das rote Dreieck auf der palästinensischen Flagge. In den Konzentrationslagern war es das Symbol für kommunistische Gefangene. Und heute? Heute sieht man es wieder in den Videos der Hamas und an den Fassaden von Gebäuden in Berlin. In den Videos wird es als Aufruf zum Töten verwendet. An den Fassaden kennzeichnet es Ziele, die angegriffen werden sollen. Ein grosses rotes Dreieck prangt über dem Eingang des Techno-Clubs “About Blank”. Jahrelang tanzten hier syrische Flüchtlinge und schwule Israelis wie selbstverständlich. Doch jetzt ist nichts mehr selbstverständlich. Jetzt schreit das rote Dreieck über dem Eingang. Ein Raver, dessen jüdische Familie aus Libyen und Marokko stammt, sagt heute: “Das politische Klima erweckt alle Dämonen. Für die Rechten sind wir Juden nicht weiss genug, für die Linken sind wir zu weiss.” Der Hass auf Juden hat sich im Berliner Nachtleben festgesetzt. Nach dem 7. Oktober ist die Berliner Clubszene buchstäblich in sich zusammengesunken. Obwohl 364 junge Menschen, Raver wie sie, auf einem Techno-Festival abgeschlachtet wurden, äusserte sich der Clubverband erst Tage später dazu. Und selbst das war nur eine oberflächliche Übung, denn Antisemitismus und Hamas wurden nicht einmal erwähnt.
Ich habe über dreissig Jahre lang in einer Diktatur gelebt. Und als ich nach Westeuropa kam, konnte ich mir nicht vorstellen, dass die Demokratie jemals auf diese Weise in Frage gestellt werden könnte. Ich dachte, dass die Menschen in einer Diktatur systematisch einer Gehirnwäsche unterzogen werden. Und dass in Demokratien die Menschen lernen, selbst zu denken, weil das Individuum zählt. Anders als in einer Diktatur, wo das eigenständige Denken verboten ist und das Zwangskollektiv die Menschen erzieht. Und wo der Einzelne nicht Teil des Kollektivs ist, sondern ein Feind. Ich bin entsetzt, dass die jungen Menschen, die Studenten im Westen, so verwirrt sind, dass sie sich ihrer Freiheit nicht mehr bewusst sind. Dass sie offenbar die Fähigkeit verloren haben, zwischen Demokratie und Diktatur zu unterscheiden.
Ich frage mich auch, ob die Studenten an vielen amerikanischen Universitäten wissen, was sie tun, wenn sie bei den Demonstrationen skandieren: “Wir sind Hamas” oder sogar “Geliebte Hamas, bombardiert Tel Aviv!” oder “Zurück nach 1948”. Ist das noch unschuldig oder schon schwachsinnig? Obwohl das Massaker vom 7. Oktober bei diesen Demonstrationen nicht mehr erwähnt wird. Und es ist empörend, wenn der 7. Oktober sogar als eine von Israel inszenierte Veranstaltung interpretiert wird. Oder wenn kein einziges Wort über die Forderung nach Freilassung der Geiseln verloren wird. Wenn stattdessen der Krieg Israels in Gaza als willkürlicher Eroberungs- und Vernichtungskrieg einer Kolonialmacht dargestellt wird.
Schauen junge Leute immer nur Clips auf Tiktok? Inzwischen kommen mir die Begriffe Follower, Influencer, Aktivist nicht mehr harmlos vor. Diese schnittigen Internetbegriffe sind ernst gemeint. Es gab sie alle schon vor dem Internet. Ich übersetze sie in die damalige Zeit zurück. Und plötzlich werden sie starr wie Blech und überdeutlich. Denn ausserhalb des Internets bedeuten sie Mitläufer, Einflussnehmer, Aktivisten. Als wären sie vom Übungsplatz einer faschistischen oder kommunistischen Diktatur übernommen worden. Ihre Geschmeidigkeit ist ohnehin eine Illusion. Denn ich weiss, dass die Worte tun, was sie sagen. Sie fördern Opportunismus und Gehorsam im Kollektiv und ersparen es den Menschen, Verantwortung für das zu übernehmen, was die Gruppe tut.
Es würde mich nicht wundern, wenn einige der Demonstranten Studenten wären, die noch vor wenigen Monaten mit dem Slogan “Frauen, Leben, Freiheit” gegen die Unterdrückung im Iran protestiert haben. Es entsetzt mich, wenn dieselben Demonstranten sich heute mit der Hamas solidarisieren. Es scheint mir, dass sie den abgrundtiefen Widerspruch des Inhalts nicht mehr verstehen. Und ich frage mich, warum es sie nicht kümmert, dass die Hamas nicht einmal die kleinste Demonstration für die Rechte der Frauen zulässt. Und dass am 7. Oktober die vergewaltigten Frauen als Kriegsbeute vorgeführt wurden.
Auf dem Campus der University of Washington spielen die Demonstranten zur Unterhaltung das Gruppenspiel “Volkstribunal”. Vertreter der Universität werden zum Spass vor Gericht gestellt. Und dann folgen die Urteile, und alle brüllen im Chor: “Ab an den Galgen” oder “Guillotine”. Es wird geklatscht und gelacht, und sie taufen ihren Lagerplatz “Märtyrerplatz”. In Form von Happenings feiern sie mit gutem Gewissen ihre eigene kollektive Dummheit. Man fragt sich, was heute an den Universitäten gelehrt wird.
Mir scheint, dass sich der Antisemitismus seit dem 7. Oktober wie ein kollektives Fingerschnippen verbreitet hat, als wäre die Hamas der Influencer und die Schüler die Follower. In der Medienwelt der Influencer und ihrer Follower zählen nur die schnellen Klicks der Videos. Das Flattern der Wimpern, das Klopfen der lebhaften Emotionen. Hier funktioniert der gleiche Trick wie in der Werbung.
“Hands of Rafah” Demonstration in Den Haag am 28.05.2024. Foto IMAGO / ZUMA Press Wire
Nimmt die Empfänglichkeit der Massen, die der Grund für die Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts war, eine neue Wendung? Komplizierte Inhalte, Nuancen, Zusammenhänge und Widersprüche, Kompromisse sind der Medienwelt fremd.
Das zeigt sich auch in einem dummen Aufruf von Internetaktivisten gegen die Oberhausener Kurzfilmtage. Es ist das älteste Kurzfilmfestival der Welt und feiert in diesem Jahr sein siebzigjähriges Bestehen. Viele grosse Filmemacher haben hier ihre Karriere mit frühen Werken begonnen. Miloš Forman, Roman Polański, Martin Scorsese, István Szabó und Agnès Varda. Zwei Wochen nach den Hamas-Feiern auf den Strassen Berlins schrieb der Festivaldirektor Lars Henrik Gass: “Eine halbe Million Menschen sind im März 2022 auf die Strasse gegangen, um gegen den Einmarsch Russlands in die Ukraine zu protestieren. Das war wichtig. Bitte lasst uns jetzt ein ebenso starkes Zeichen setzen. Zeigt der Welt, dass die Neuköllner Hamasfreunde und Judenhasser in der Minderheit sind. Kommt alle! Bitte!”
Dies löste eine feindselige Reaktion im Internet aus. Eine anonyme Gruppe warf ihm vor, die Solidarität mit der palästinensischen Befreiung zu verteufeln. Die Gruppe versicherte ihm, dass sie die internationale Filmgemeinschaft “ermutigen” würde, ihre Teilnahme an dem Festival zu überdenken. Ein versteckter Aufruf zum Boykott, dem viele Filmemacher folgten und ihr Engagement absagten. Lars Henrik Gass sagt zu Recht, dass wir derzeit einen Rückschritt in der politischen Debatte erleben. Anstelle von politischem Denken herrscht ein esoterisches Politikverständnis vor. Dahinter steht der Wunsch nach Konsistenz und der Druck zur Konformität. Auch in der Kunstszene ist es unmöglich geworden, zwischen dem Eintreten für das Existenzrecht Israels und der gleichzeitigen Kritik an seiner Regierung zu differenzieren.
Deshalb wird nicht einmal darüber nachgedacht, ob die weltweite Empörung über die vielen Toten und das Leid in Gaza nicht Teil der Strategie der Hamas sein könnte. Sie ist taub und blind für das Leid ihres Volkes. Warum sonst würde sie den Grenzübergang Kerem Shalom beschiessen, wo die meisten Hilfslieferungen ankommen? Oder warum sonst sollte sie auf die Baustelle eines provisorischen Hafens schiessen, wo bald Hilfslieferungen ankommen sollen? Wir haben von Herrn Sinwar und Herrn Haniye nicht ein einziges Wort des Mitgefühls für die Menschen in Gaza gehört. Und statt des Wunsches nach Frieden, nur Maximalforderungen, von denen sie wissen, dass Israel sie nicht erfüllen kann. Die Hamas setzt auf einen permanenten Krieg mit Israel. Er wäre die beste Garantie für ihre weitere Existenz. Die Hamas hofft auch, Israel international zu isolieren, koste es, was es wolle.
In Thomas Manns Roman “Doktor Faustus” heisst es, der Nationalsozialismus habe “alles Deutsche für die Welt unerträglich gemacht”. Ich habe den Eindruck, dass die Strategie der Hamas und ihrer Unterstützer darin besteht, alles Israelische und damit alles Jüdische für die Welt unerträglich zu machen. Die Hamas will den Antisemitismus als globale Dauerstimmung aufrechterhalten. Deshalb will sie auch die Shoah umdeuten. Auch die Verfolgung durch die Nazis und die Rettungsflucht nach Palästina sollen in Frage gestellt werden. Und letztlich auch das Existenzrecht Israels. Diese Manipulation geht so weit zu behaupten, das deutsche Holocaust-Gedenken diene nur als kulturelle Waffe, um das westlich-weisse “Siedlungsprojekt” Israel zu legitimieren. Solche ahistorischen und zynischen Umkehrungen des Täter-Opfer-Verhältnisses sollen jede Differenzierung zwischen der Shoah und dem Kolonialismus verhindern. Mit all diesen gestapelten Konstruktionen wird Israel nicht mehr als die einzige Demokratie im Nahen Osten gesehen, sondern als kolonialistischer Musterstaat. Und als ewiger Aggressor, gegen den blinder Hass gerechtfertigt ist. Und sogar der Wunsch nach seiner Vernichtung.
Der jüdische Dichter Yehuda Amichai sagt, dass ein Liebesgedicht auf Hebräisch immer ein Gedicht über den Krieg ist. Oft ist es ein Gedicht über den Krieg inmitten eines Krieges. Sein Gedicht “Jerusalem 1973” erinnert an den Jom-Kippur-Krieg:
“Traurige Männer tragen die Erinnerung, in ihrem Rucksack, in ihren Seitentaschen, an ihren Munitionsgürteln, in den Taschen ihrer Seelen, in schweren Traumblasen unter ihren Augen.”
Als Paul Celan 1969 Israel besuchte, übersetzte Amichai Celans Gedichte und las sie auf Hebräisch vor. Hier trafen sich zwei Überlebende der Shoah. Jehuda Amichai wurde Ludwig Pfeuffer genannt, als seine Eltern aus Würzburg flohen.
Der Besuch in Israel bewegte Celan. Er traf Schulfreunde aus Czernowitz in Rumänien, die im Gegensatz zu seinen ermordeten Eltern nach Palästina hatten fliehen können. Paul Celan schrieb nach seinem Besuch und kurz vor seinem Tod in der Seine an Jehuda Amichai: “Lieber Jehuda Amichai, lassen Sie mich das Wort wiederholen, das mir während unseres Gesprächs spontan über die Lippen kam: Ich kann mir die Welt ohne Israel nicht vorstellen, und ich will sie mir auch nicht ohne Israel vorstellen.”
Herta Müller, Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin las diesen Text am 25. Mai auf dem 7. Oktober-Forum der “Jüdischen Kultur in Schweden” in Stockholm. Übersetzung und Erstpublikation “Truth Of The Middle East”
Tor Wennesland, Sonderkoordinator für den Friedensprozess im Nahen Osten, spricht virtuell während einer Sitzung des Ausschusses zur Lage in Rafah am 20. Mai 2024 im UN-Hauptquartier in New York. Foto IMAGO / ZUMA Press Wire
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Die Entscheidung der UNO vom 10. Mai 2024, den Status des palästinensischen Beobachterstaates aufzuwerten, kommt nicht überraschend. Sie ist eine direkte Fortsetzung früherer israelfeindlichen UN-Beschlüsse.
von Dr. Shaul Bartal
Im Juni 1974 verabschiedete die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) einen Zehn-Punkte-Plan, den so genannten Stufenplan. Der Plan wurde damals als eine erhebliche Mässigung der PLO dargestellt, die zu dieser Zeit als Israels erbittertster Feind galt. Die 1970er Jahre waren voll von blutigen Terroranschlägen, die von palästinensischen Organisationen verübt wurden, darunter auch Flugzeugentführungen. Die führenden Terrororganisationen dieser Zeit waren die Fatah-Organisation unter der Führung von Jassir Arafat, die Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) unter der Führung von George Habash und die Demokratische Front für die Befreiung Palästinas (DFLP), die seit ihrer Gründung von Nayef Hawatmeh geleitet wird.
Der Zehn-Punkte-Plan der PLO wurde deshalb als politischer Fortschritt betrachtet, weil sich die Aktivisten der palästinensischen Organisationen zum ersten Mal seit der Verabschiedung des revidierten Palästinenserabkommens von 1968 auf eine unvollständige “Befreiung” Palästinas zu einigen schienen. Eine sorgfältige Lektüre des Plans zeigt jedoch, dass sein Ziel nach wie vor die Zerstörung des gesamten Staates Israel ist – “from the river to the sea”.
Im zweiten Abschnitt des Plans heisst es: “Die PLO wird mit allen Mitteln, in erster Linie dem bewaffneten Kampf, für die Befreiung des palästinensischen Landes kämpfen und eine unabhängige nationale Regierung über jeden Teil des palästinensischen Gebiets, der befreit wird, einsetzen.” Diese Klausel wurde offenbar erfüllt – nicht durch den bewaffneten Kampf, sondern hauptsächlich durch die Diplomatie im Rahmen der Osloer Abkommen der 1990er Jahre.
In einem anderen Abschnitt des Stufenplans wird die Einrichtung der Selbstverwaltung in einem Teil des Gebiets als ein Schritt auf dem Weg zur vollständigen “Befreiung” des gesamten Landes Palästina definiert. Dem Stufenplan zufolge war die Gründung eines palästinensischen Staates in Judäa, Samaria und im Gazastreifen eine vorübergehende Lösung, die den Krieg zwischen den beiden nationalen Bewegungen niemals beenden sollte. Der Stufenplan sollte die Fortsetzung des Kampfes für die anderen von den Palästinensern geforderten “Rechte”, wie die vollständige “Befreiung” des gesamten Landes Israel und das angebliche Recht auf Rückkehr dorthin, fördern.
Trotz langwieriger Verhandlungen zwischen Israel und der PLO über ein dauerhaftes Abkommen gelang es den Parteien nicht, eine zufriedenstellende Lösung zu finden. Die intensivsten Versuche fanden im Juli 2000 in Camp David unter der Vermittlung von Präsident Bill Clinton und 2008 unter der Vermittlung von Präsident George Bush jr. statt.
Frieden mit Israel war nie ihr Ziel
Der zu gründende palästinensische Staat sollte den grössten Teil der Gebiete von Judäa und Samaria und des Gazastreifens (über 90 % des Territoriums) umfassen, einen sicheren Verkehr zwischen dem Gazastreifen und Judäa und Samaria gewährleisten und vereinbarte Sonderregelungen für Jerusalem und die Flüchtlinge treffen. Fast alle Einzelheiten wurden geregelt, aber Israel verlangte etwas, das die PLO nicht bereit war zu geben. Israel verlangte, dass im Gegenzug für ein umfassendes Abkommen Vertreter der PLO als anerkannte Vertreter des palästinensischen Volkes ein Dokument unterzeichnen sollten, das “das Ende der Ansprüche zwischen Israel und den Palästinensern” besagt – d. h. eine vertragliche Verpflichtung, mit Israel Frieden zu schliessen. Kein Vertreter der Palästinenser war jemals bereit, ein solches Dokument zu unterzeichnen, weil Frieden mit Israel nie ihr Ziel war.
Aus diesem Grund sind die Verhandlungen zwischen Israel und der Palästinensischen Autonomiebehörde seit Jahrzehnten festgefahren, ohne dass eine der beiden Seiten in der Lage wäre, eine verbindliche dauerhafte Lösung zu finden. Die Palästinenser können Israel nicht zwingen, sich ohne ein politisches Abkommen militärisch aus den Gebieten von Judäa und Samaria zurückzuziehen, und Israel kann den Palästinensern kein politisches Abkommen aufzwingen, das die Anerkennung Israels und ein endgültiges Ende des national-religiösen Konflikts zwischen den Parteien beinhalten würde.
In dieser Phase wandten sich die Palästinenser an die Vereinten Nationen, um zu versuchen, den Status der Palästinensischen Autonomiebehörde in den eines souveränen unabhängigen Staates aufzuwerten. Der Versuch der Palästinenser, im Alleingang einen Staat zu gründen, war nicht neu. Am 1. Oktober 1948, kurz nach der Gründung des Staates Israel, kündigten die Palästinenser im Gazastreifen die Gründung einer gesamtpalästinensischen Regierung an. Der Präsident des unabhängigen Staates Palästina, der seine Souveränität für das gesamte Mandatsgebiet Palästina erklärte, war der Nazi-Sympathisant und überzeugte Antisemit Haj Muhammad Amin al-Husseini; Premierminister war Ahmed Hilmi Abd al-Baqi. Diese Regierung bestand etwa ein Jahrzehnt lang und regierte den Gazastreifen unter ägyptischer Schirmherrschaft. Nach ihrer Auflösung durch die Ägypter blieb Premierminister Hilmi bis zu seinem Tod im Jahr 1963 als Vertreter Palästinas in der Arabischen Liga tätig.
Die Palästinenser haben die Existenz des Staates Israel rundweg abgelehnt. In der palästinensischen Unabhängigkeitserklärung heisst es:
Auf der Grundlage des natürlichen und historischen Rechts des palästinensischen Volkes auf Freiheit und Unabhängigkeit, eines heiligen Rechts, für das er Blut vergossen und Opfer gebracht hat und für das er gegen die imperialen Mächte und die Zionisten gekämpft hat, die sich gegen ihn verschworen haben, erklären wir, die Mitglieder des Palästinensischen Nationalrats, die sich in Gaza, der Stadt von Haschim (dem Grossvater des Propheten), versammelt haben, heute, am 1. Oktober 1948, die Unabhängigkeit Palästinas als Ganzes innerhalb seiner Grenzen: im nördlichen Libanon und Syrien, im östlichen Syrien und jenseits des Jordans, im westlichen Mittelmeerraum und im südlichen Ägypten. Diese Unabhängigkeit ist eine vollständige Unabhängigkeit, und in ihrem Rahmen wird ein freier, demokratischer und souveräner Staat errichtet werden, dessen Bürger Freiheit geniessen werden.
Das nächste Mal erklärten die Palästinenser am 15. November 1988 auf der Konferenz des Palästinensischen Nationalrats in Algier einen Staat. In der vom palästinensischen Dichter Mahmoud Darwish verfassten palästinensischen Unabhängigkeitserklärung hiess es unter anderem, dass sich die Erklärung auf die Teilungsresolution 181 vom 29. November 1947 stütze. Die Palästinenser erkannten das Recht der Länder der Region an, in Frieden zu leben, erwähnten aber Israel auffallend wenig. Ausserdem erklärten sie die Fortsetzung des Kampfes bis zum Ende der “Besatzung”, ohne klarzustellen, ob sich dieser Begriff auf die Gebiete von 1967 oder darüber hinaus bezieht.
Diese Ankündigung veranlasste die Vereinten Nationen, Jassir Arafat einzuladen, vor der UN-Generalversammlung zu sprechen (Resolution 43/177 der UN-Generalversammlung). Es überrascht nicht, dass 104 Länder für die Resolution stimmten, in der der von Jassir Arafat einseitig ausgerufene palästinensische Staat anerkannt wurde. Nur zwei Länder stimmten gegen diese Anerkennung – die USA und Israel.
Die Palästinenser waren sich darüber im Klaren, dass eine solche Entscheidung nur auf der Grundlage von Tatsachen vor Ort getroffen werden konnte. Mit den Osloer Abkommen der 1990er Jahre erhielten sie zum ersten Mal einen politisch autonomen Status in Judäa, Samaria und dem Gazastreifen. Die Osloer Abkommen waren von Anfang an als zeitlich begrenzte Interimsabkommen definiert, die zu einer dauerhaften Regelung des Zusammenlebens der beiden politischen Einheiten in Frieden, Sicherheit und Wohlstand führen sollten.
Im Widerspruch zu den Osloer Verträgen
Nach den Friedensgesprächen mit Israel in Camp David 2000 entfachten die Palästinenser eine blutige Intifada. Nach dem Scheitern der Verhandlungen in Annapolis 2008 zwischen Mahmoud Abbas und Premierminister Ehud Olmert wurde den Palästinensern klar, dass sie alle israelischen Zugeständnisse, die sie in regulären Verhandlungen erreichen konnten, ausgeschöpft hatten. Aus diesem Grund wandten sie sich an die UN-Versammlung und beantragten am 29. November 2012 die Aufwertung ihres Status zu einem Staat.
Ihr Antrag wurde aufgrund der automatischen Mehrheit, die bei Anti-Israel-Resolutionen in der UNO besteht, genehmigt. Zum ersten Mal wurde einem UN-Beobachtergremium, das weder die tatsächliche Kontrolle über ein Gebiet noch definierte Grenzen hat, der Status eines Staates (in diesem Fall eines Beobachterstaates) zuerkannt. Hundertachtunddreissig Länder stimmten dieses Mal dafür (darunter auch die Schweiz, Anm.d.Red.), neun dagegen und der Rest enthielt sich. Dieser Schritt stand in direktem Widerspruch zu den Verhandlungsgrundsätzen, die die Parteien in den Osloer Verträgen unterzeichnet hatten.
Die Abstimmung am 10. Mai 2024 war der jüngste Schritt auf dem Weg der Palästinenser zu einem unabhängigen Staat ohne ein verbindliches Grenzabkommen mit Israel. Mit der Abstimmung sollten den Palästinensern verschiedene Rechte eingeräumt werden, die souveränen, von der UNO anerkannten Staaten vorbehalten sind, auch wenn die Palästinensische Autonomiebehörde immer noch als Beobachterstaat definiert ist. Diesmal stimmten 143 Länder dafür, neun stimmten dagegen und die übrigen enthielten sich (die Schweiz hat sich enthalten, Anm.d.Red.).
Die Rolle der UNO besteht angeblich darin, den Frieden und die Weltordnung aufrechtzuerhalten. Die Aufwertung der Palästinensischen Autonomiebehörde zu einem Staat, obwohl sie weder eine effektive Kontrolle über das Territorium noch klare Grenzen hat – und damit die Ermächtigung eines politischen Gebildes, dessen Bevölkerungsmehrheit offen eine terroristische Organisation, die Hamas, unterstützt, die Frauen vergewaltigt und Kinder ermordet – wird nicht zu Frieden und Stabilität in der Welt beitragen, sondern den Krieg zwischen Israel und den Palästinensern nur vertiefen. Es wird auch keinen Anreiz für die gemässigten Elemente in der palästinensischen Gesellschaft schaffen, sich um einen echten Frieden mit Israel zu bemühen.
Oberstleutnant a.D. Dr. Shaul Bartal diente lange Zeit in verschiedenen Sicherheitsfunktionen im Westjordanland. Er war Dozent in den Abteilungen für Nahoststudien und politische Studien und ist Senior Research Fellow am Begin-Sadat-Zentrum für strategische Studien der Bar-Ilan-Universität.
Pourquoi l’Ukraine est en train de perdre la guerre contre la Russie ? Comment les deux camps pensent et mènent leurs opérations ? Quelles ont été les erreurs de part et d’autre ? Comment l’Occident a contribué à la défaite ukrainienne ?…
Pour répondre à ces questions et à bien d’autres, Jacques Baud s’appuie sur des informations officielles, des documents américains, occidentaux et russes. Il explique la manière dont la Russie comprend et conduit la guerre. Il montre combien l’incapacité des Occidentaux à comprendre cette réalité et leur détermination à affaiblir la Russie s’est retournée contre l’Ukraine.
Après les best-sellers «Poutine, le maître du jeu ?», «Opération Z» et «Ukraine entre guerre et paix» dont le travail d’analyse a été salué dans le monde entier et dont les ouvrages ont été traduits dans plusieurs pays, l’auteur revient sur la guerre en Ukraine. Il expose la manière dont la Russie l’a menée et comment l’image qu’en ont donné les Occidentaux a conduit l’Ukraine vers l’échec.
Ce soir, j’évoque pour vous, entre autres sujets, la foire d’empoigne politique en France, la poursuite de l’escalade à bas bruit du conflit ukrainien et de la descente aux enfers de ce pays, le désastreux sommet de la paix en Suisse, les dernières déclarations de VVP que l’on serait bien inspiré de prendre au sérieux, le coup d’envoi officiel de la refonte du système de sécurité mondial à partir de l’Eurasie et pour l’instant sans l’UE qui n’y comprend goutte…
Le président russe Vladimir Poutine est arrivé à Pyongyang pour une visite d’État le 18 juin. L’économie, l’énergie, l’agriculture, le commerce, les relations internationales et la sécurité sont à l’ordre du jour des échanges prévus avec le dirigeant nord-coréen Kim Jong-un.
Le président russe a annoncé que le nouveau partenariat entre Moscou et Pyongyang prévoyait une «assistance mutuelle en cas d’agression», le qualifiant de «révolutionnaire».
«L’accord de partenariat global signé aujourd’hui prévoit, entre autres, la fourniture d’une assistance mutuelle en cas d’agression contre l’une des parties à cet accord», a déclaré le président russe.
Vladimir Poutine a dénoncé la fourniture par Washington et les membres de l’OTAN de systèmes à longue portée de haute précision, d’avions F-16 et d’autres armes pour frapper le territoire russe, les qualifiant de «violation flagrante» de leurs obligations internationales.
Moscou et Pyongyang mènent une politique étrangère indépendante et n’acceptent pas le chantage, a-t-il ajouté, avant d’indiquer que la Russie n’excluait pas une coopération militaro-technique avec la RPDC conformément à l’accord signé.
BREAKING: Putin hints at arming North Korea with long range missiles and technology in retaliation for the US & NATO arming Zelensky against Russia.
„Nachdem alle Brücken nach Russland abgerissen wurden, bleibt noch eine offen – die der Kunst.“ Das sagt der Songpoet Tino Eisbrenner, der sich selbst als Friedensberichterstatter und Brückenbauer bezeichnet. Der seit 44 Jahren aktive Künstler interessiert sich schon seit der frühen Kindheit für die slawische Welt. Für ihn ist der Krieg in der Ukraine kein Grund, nicht nach Russland zu fahren. Für ihn ist er dagegen Motiv, sich als Mitbegründer der Initiative „Frieden statt Krieg“ noch stärker für Frieden und Verständigung zu engagieren. Als Künstler findet er dafür kreative Wege – vorbei an allem, was sich politisch zwischen Deutschland und Russland abspielt. Er scheut auch nicht vor einem Auftritt im Kremlpalast oder vor der Einladung der Russischen Botschaft in Berlin zurück. Woher er dazu den Mut und die Kraft nimmt, was ihn motiviert, darüber hat Éva Péli Mitte Juni mit ihm vor einem Konzert im Berlin gesprochen.
Éva Péli: Herr Eisbrenner, Sie engagieren sich seit Jahrzehnten für ein besseres Verhältnis, ja für Frieden und Freundschaft mit Russland. Wo kommt das her? Was gab den Anstoß?
Tino Eisbrenner: Ich habe in meiner Kindheit in Bulgarien gelebt, weil meine Eltern dort gearbeitet haben. Mein Vater war Lehrer, meine Mutter Kindergärtnerin im Botschaftskindergarten. Da habe ich die slawische Kultur kennengelernt. Ich bin also einer von denen, die davor keine Angst haben. Ab der dritten Klasse hatte ich dort Russisch, danach ging es in der DDR bis zur zwölften weiter. So ist also schon mal der Sprachschlüssel.
Durch die Sozialisierung haben wir alle viel über Russland – damals die Sowjetunion – erfahren. Wir kennen die russischen beziehungsweise sowjetischen Autoren, wir haben die russischen Filme geguckt, Märchen, bis hin zu den Filmen über den „Großen Vaterländischen Krieg“. So nennen sie den Teil des Zweiten Weltkrieges, der die Sowjetunion betraf. Wir haben auch ihre Musik kennengelernt. Als ich dann selbst mit Rockmusik anfing, bin ich auf Tournee gewesen in der Sowjetunion.
Dann kamen die Neunziger, da war ja Frieden, weil Jelzin Russland als Selbstbedienungsladen für den Westen hergab. Als Putin dies zu korrigieren begann, wurde Russland hier wieder zum Feind erklärt. Das hat mich motiviert, als Künstler dazu beizutragen, dass die Menschen Russland wieder kennenlernen. Dazu habe ich russische Lieder ins Deutsche übertragen, und das hat mich dann auch sehr schnell wieder für Konzerttouren nach Russland gebracht.
Sie sind bei Festivals in Russland aufgetreten, auch auf der Krim. 2023 haben Sie an dem Wettbewerb „Doroga na Jaltu“ mit dem Lied „Kraniche“ teilgenommen und den zweiten Platz gewonnen. Dieses Jahr waren Sie in der Jury dieses Wettbewerbs. Wie ist es überhaupt dazu gekommen?
Zum Festival habe ich mich einfach beworben. Jemand hat mir von dem internationalen Wettbewerb mit Liedern aus dem und über den „Großen Vaterländischen Krieg“ erzählt. Die Teilnehmer sollen in ihrer eigenen Sprache ein Lied singen. Mein Vorschlag war: „Kraniche“. Das ist eins der größten Lieder, die dieses Genre überhaupt hat. Sie können sich vorstellen, das auf Deutsch zu singen – in der Sprache des Feindes von damals –, das hat eine enorme symbolische Kraft. Gerade in der heutigen Zeit, wo Deutschland überhaupt gar keine Friedenssignale in Richtung Russland sendet. Und bisher war dieses Lied auch überhaupt nicht in einer deutschen Nachdichtung gesungen worden. Als ich dann im Finale im Kremlpalast zusammen mit der russischen Star-Sängerin Zara auf der Bühne stand und begonnen habe, auf Deutsch zu singen, erhoben sich 6.000 Leute im Saal, um zu zeigen, „Wir verstehen, warum du da bist. Wir verstehen, warum du dieses Lied singst.” Und „Wir öffnen unser Herz”.
Aus dieser Kraft heraus, die da entstanden ist, hat sich ergeben, dass ich im Jahr 2024 wieder eingeladen wurde. Da kam die Frage, ob ich in der Jury mitarbeiten würde. Wieder diese Handreichung. Vorbei an allem, was sich politisch zwischen Deutschland und Russland abspielt, die Hand gereicht.
Wie war die Resonanz in Russland und in Deutschland auf das Lied?
Dieses Jahr haben mich so viele Russen, manchmal sogar auf der Straße, angesprochen. Die ganze Sendung kam auch im Fernsehen, wurde wiederholt. Immer wieder wurde auch der Ausschnitt von Tino Eisbrenner und Zara gezeigt – der Deutsche und die Russin. Die „Kraniche“, auf Russisch „Журавли“, ist schon irgendwie mein Lied geworden. Auch mein Buch über meine Reise zum Festival trägt diesen Titel, und zwar in beiden Sprachen.
In Deutschland gibt es natürlich Menschen, die überhaupt gar kein Verständnis dafür haben, dass man jetzt nach Russland reisen kann, die nicht verstehen, dass die Kultur eigentlich die letzte Brücke ist, die wir noch haben, um vielleicht aus dieser Eskalation irgendwie herauszufinden. Der Sport ist ausgeschaltet, die Wirtschaft ist ausgeschaltet, die Politik eskaliert in die andere Richtung. Und ich frage: Was ist falsch daran, als Künstler eine solche Handreichung über die Gräben hinweg zu veranlassen und die Friedensbotschaft „Wir wollen, dass die Kultur uns verbindet” sowohl dorthin als auch zurück nach Deutschland zu tragen?!
Aber seit über einem Jahr ist nicht ein Tag vergangen, wo nicht auch Leute auf mich zugekommen wären, um zu sagen oder zu schreiben: „Wir wollten Dir danken, dass du dich so in den Wind stellst, dass du die Argumente bringst. Dass du uns die Geschichte sogar aufgeschrieben hast.“ Dafür bin ich sehr dankbar, weil es immer wieder Kraft gibt.
Sie haben die Initiative „Musik statt Krieg“ gegründet. Wie ist diese Idee entstanden?
Aus einer ähnlichen Situation wie jetzt. 2001 bis 2003 ging es in Deutschland darum, ob wir uns an dem US-amerikanischen Krieg gegen den Irak beteiligen. Viele Menschen haben damals verstanden, dass die sogenannte Achse des Bösen nur ein Alibi dafür ist, im Irak einzufallen und die Ölquellen zu besetzen.
In Deutschland gab es damals eine sehr starke Friedensbewegung. Da waren die Terrorattacken, und viele Menschen hatten Angst. Ich bin dann in Neubrandenburg, wo ich lebe, in ein Flüchtlingsheim reingegangen und hab gesagt, ich suche arabische, gerne irakische Musiker, die mit mir auf Tournee gehen wollen. Und so bin ich mit zwei irakischen Musikern auf Tournee gegangen – in meiner Band war noch ein Afrikaner und ein Bulgare und die Deutschen – und habe gesagt: Hier, die „Achse des Bösen“ zum Anfassen.
Die Überschrift über dieser Tour lautete „Musik statt Krieg“. Das haben wir dann auch mit einem arabischen Schriftzug aufgeschrieben, und so ist unser Logo entstanden. Ich denke, wenn alle davon reden, dass alle da auf der anderen Seite böse sind, dann muss man versuchen, diese anderen kennenzulernen. Dasselbe Prinzip habe ich jetzt in Russland angewandt, und ich hätte es übrigens auch gerne in der Ukraine getan. Doch wenn man in Russland gespielt hat und zum Beispiel auch auf der Krim war, dann ist es jetzt leider gefährlich, in die Ukraine zu reisen. Deswegen kann ich diese Brücke nur zwischen Deutschland und Russland bauen und mich hier um Verständigung bemühen. Und ich bin überzeugt davon, dass solche Bestrebungen den friedliebenden und auf Frieden hoffenden Menschen der Ukraine ebenfalls ein Dienst sein werden – genau wie allen Friedenssuchern der Welt. Wir haben die Aufgabe und Pflicht, aus der Kriegsspirale hinauszufinden, und das ist nur durch Verständigung zu erreichen.
Nun gibt es seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022 Krieg in dem Land. Was bewegt Sie, weiter für Frieden zu singen? Welche Folgen hat das für Ihre künstlerische Arbeit, für Ihr Engagement?
Ich gehe mal über den kleinen Fehler in der Frage hinweg, weil ich weiß, was Sie meinen. Und wir beide wissen, dass es nicht erst seit Februar 2022 Krieg im Land gab. Aber als dann eingetreten war, wovor alle Friedensbewegten die ganze Zeit gewarnt hatten, hat es auch uns im ersten Moment schockiert; weil wir selbst immer in der Hoffnung waren, Russland wird schon nicht …
Dann ist es aber passiert, aus meiner Sicht auch folgerichtig passiert. Wenn 200.000 Soldaten vor der Grenze stehen und der Präsident der Ukraine brüllte, er hole sich jetzt den Donbass zurück, der nun acht Jahre lang um seine Unabhängigkeit gekämpft und geblutet hat. Oder da ist die Krim, die durch die schnelle Entscheidung 2014, zu Russland zu gehören, eigentlich im Frieden geblieben ist und keineswegs von Kiew „befreit“ werden will. Ich war zweimal dort, viele Leute haben mir versucht, zu erklären, „Warum begreift ihr Deutschen nicht? Durch unser Referendum und unsere Entscheidung, zu Russland zu gehören, sind wir noch im Frieden, sonst wäre hier Donbass.“ Aber „die Deutschen“ wollten es nicht begreifen …
Und plötzlich standen wir da, die wir immer gesagt hatten „Frieden mit Russland“, und es hieß jetzt: „Mit denen, die da den Krieg angefangen haben, mit denen wollt ihr Frieden machen?“
Spätestens aber mit der Sprengung von Nordstream 2 haben die meisten Leute angefangen zu denken. Sie sind leider immer noch nicht in der Situation, auf die Straßen zu gehen und zu sagen: „Jetzt schert euch ab und sucht euch einen Platz, wo ihr verhandeln könnt.“ Aber sie sind auf jeden Fall in einem anderen Denkprozess als noch 2022, wo praktisch alles blau-gelb getüncht wurde. Die Leute sehen jetzt klarer und erkennen, dass da mehr als zwei Farben eine Rolle spielen. Gerade gestern hat Rod Stewart bei seinem Konzert in Leipzig vor einem riesigen Selenskyj-Foto salutiert – und dafür ein tausendfaches Buh- und Pfeifkonzert geerntet.
Sie singen seit vielen Jahren Lieder sowjetischer Songpoeten wie Wladimir Wyssotzki, Bulat Okudschawa und anderen. Warum, was hat Sie dazu gebracht?
Da war diesbezüglich ein großes schwarzes Loch seit den 2000er-Jahren, die Menschen in Deutschland hatten sich in den Neunzigern dem „American way of life“ verschrieben und kaum noch für Russland interessiert. Wir wussten immer weniger über ihre Kultur, die russische Seele und Alltagspoesie. Deswegen habe ich angefangen, nach diesen Liedern zu gucken und sie in unsere Sprache zu holen. Immer Lieder, die auch für uns eine Relevanz haben, damit man einfach erkennen kann, aha, also die denken auch nicht anders, die lieben und leben genauso wie wir, die haben die gleichen Alltagssorgen, die gleichen Träume, sind Menschen. Ich wollte das für unsere Leute in Deutschland machen. Man hat keine Angst voreinander, wenn man sich kennt! Und plötzlich kamen die Einladungen in den russischsprachigen Raum: Russland, Georgien, Belarus, aber sogar auch nach Polen, Tschechien und die Slowakei. „Ein Deutscher singt unsere Lieder, und in seinen Konzerten stellt er die russische Seele vor, trotz Konflikt, trotz Sanktionen. Wollen wir den nicht mal zu uns einladen?“ Auf den Tourneen habe ich viele Menschen kennengelernt. Plötzlich kamen Empfehlungen an Liedern, „das wäre auch ein tolles Lied für dich, und das und hier“. Nach diesen Jahren dann kam 2023 die Empfehlung, bei dem Festival teilzunehmen, das war wieder eine ganz andere Ebene an Bekanntmachung.
Am 5. Juni sind Sie zusammen mit Tobias Morgenstern in der Russischen Botschaft in Berlin zum 225. Geburtstag des russischen Dichters Alexander Puschkin mit einem Ausschnitt aus Ihrem gemeinsamen Puschkin-Programm aufgetreten. Wie ist es zu diesem Ereignis gekommen?
So kommt es, wenn man sich gegenseitig wahrnimmt. Natürlich nimmt die Botschaft einen deutschen Liedermacher wahr, der sich für die Verständigung engagiert. So entstand die Idee, am Vorabend von Puschkins Geburtstag eine offizielle Feierstunde zu planen, bei der wir Auszüge aus unserem Programm über den russischen Nationaldichter Alexander Puschkin vortragen würden. Nun können natürlich wieder Leute aufspringen und sagen: „In dieser Zeit kann man nicht in der russischen Botschaft singen, das geht nicht.“ Aber das ist derselbe Unsinn wie „Man kann nicht in Moskau singen oder man kann nicht in Sankt Petersburg singen oder in Smolensk“. Wir müssen Brücken bauen. Mit Tobias Morgenstern war ich da sofort einig. Unser Puschkin-Programm besteht übrigens nicht nur aus Puschkin. Er dominiert zwar, aber wir lassen auch Puschkins poetische Erben zu Wort kommen, die ich ebenfalls in eigener Nachdichtung und mit russischen Originalzitaten singe. Zum Beispiel Bulat Okudschawa, der übrigens in diesem Jahr auch ein Jubiläum hat, nämlich den 100-jährigen Geburtstag.
Oft fragen mich Leute: „Wie kommst du denn eigentlich überhaupt nach Russland? Kann man da überhaupt hinfahren oder fliegen?“ Klar kann man. Es ist bloß so, dass die deutschen Fluglinien ausscheiden. Aber dann nimmt man andere. Man hat einen Umweg.
In einem Interview haben Sie gesagt: „Wir müssen wieder lernen, wie man Frieden schließt.“ Wie kann das möglich sein angesichts der zunehmenden Kriegshysterie in Politik, Medien und Gesellschaft?
Wir müssen unsere Politiker, die gerade regieren, daran erinnern, was der Kanzler in seinem Eid geschworen hat, nämlich „Schaden vom deutschen Volk abzuwenden“. Der Weg ist auf keinen Fall, dass wir versuchen, innerhalb der nächsten drei Monate oder drei Jahre oder 30 Jahre Russland zu vernichten. Das wird so nicht funktionieren, weil den Russen längst klar ist, dass es um die Existenz ihres Staates geht, und wenn sie in dieser Frage mit dem Rücken an die Wand gedrückt werden, dann werden sie entsprechend reagieren.
Im Moment können wir alle die Klappe weit aufreißen, weil die Russen sehr besonnen reagieren. Natürlich führen sie jetzt einen Krieg, den wir alle nicht wollen, aber sie haben den Krieg nicht angefangen. Insofern stimmt die Vokabel auch nicht „aggressiver und völkerrechtswidriger Angriffskrieg“. Sie haben nicht angegriffen, sie haben ihn nicht begonnen. Der lief, und zwar gegen die russische Kultur und Sprache und jeden, der sich zu deren Verteidigung erhob. Und Russland hat, nachdem sogar das Minsk-II-Abkommen seitens Kiews völlig ignoriert wurde, dessen Bürgen Deutschland, Frankreich und Russland waren und sein sollten, eingegriffen in diesen Krieg. Das ist schon öfter vorgekommen in der Geschichte, dass in einen Krieg eingegriffen wurde, um ihn zu beenden. Damit ist Russland nicht das erste Land, und Russland ist auch nicht das erste Land, das überhaupt einen Krieg führt. Aber wir schwingen uns auf, um ausgerechnet gegen Russland unsere saubere Moral geltend zu machen. Und wenn man mit der Lupe draufzeigt, merkt man, wir haben gar keine. Wir tun das alles für Geld und für Pfründe, die uns damit eröffnet werden könnten, wie wir glauben. Und jeder halbwegs gebildete Deutsche begreift spätestens seit Nordstream 2, um wessen Interessen es eigentlich geht und nach wessen Pfeife unsere Politik tanzt.
Sie haben auch schon gesagt, Kunst und Kultur hätten die Aufgabe, immer auch den gesellschaftlichen Diskurs anzuregen. Doch die Räume dafür werden anscheinend immer enger, ganz deutlich seit der Corona-Krise, nun auch durch die Kriegshysterie. Wie können da Kunst und Kultur die Räume offen halten und erweitern?
Der Ruf nach den Künstlern, die nun zur Flagge greifen sollen, damit alle hinterherlaufen können, ist recht oft zu hören. Aber die Aufgabe der Kunst ist, die Dinge zu begleiten und zu spiegeln. Und wenn die Revolution da ist, dann wird sich auch der Barde finden, der die entsprechende Hymne schreibt, weil er Teil der Bewegung und des gesellschaftlichen Ringens ist. Aber es sind nicht die Künstler, die vorneweg mit der Fahne marschieren, während sich hinter ihnen das Volk sammelt. Der Dichter Pablo Neruda, der die kommunistische chilenische Bewegung einst anführte, hat bei der Gründung der Unidad Popular die Führung in die Hände des Politikers Allende gegeben und diesen als Künstler und Kulturbotschafter begleitet – bis in den Tod sogar …
Aber zurück zu Ihrer Frage. Natürlich war das kein Zufall, dass die Politik in der Corona-Krise zuerst die Kunst ausgeschaltet und damit die Räume geschlossen hat, in denen Diskurs stattfindet. Man hat ja die Kunst auch viel länger im Lockdown gelassen als zum Beispiel den Sport, wo niemand spricht, sondern alle nur brüllen, obdas Tor fällt oder nicht. Dort, wo gesprochen wird, wo Denken und Bildung gefördert werden, nämlich in den Räumen der Kunst, da hat man als Erstes geschlossen und als Letztes erst wieder aufgemacht, aus Angst, es könnte ein Widerstand entstehen oder mindestens ein Widerspruch.
Politiker verstehen sehr oft die Rolle der Kunst für eine Gesellschaft gar nicht, so wie sie auch sehr oft die Rolle der Politik gar nicht verstehen. Politik soll den Konsens ermitteln und herstellen. Das erreicht man nicht über Stigmatisierung und Ausgrenzung, sondern durch Diplomatie. Würde Politik begreifen, was Kunst und Kultur können, dass sie nämlich das markanteste Merkmal sprichwörtlicher Menschlichkeit sind und also zu Menschlichkeit führen, wo auch immer man sie gedeihen lässt, dann gäbe es keinen Zweifel daran, wie falsch es ist, russische Künstler unseres Landes zu verweisen, russischen Studenten keinen Zugang zu unseren Universitäten zu gewähren, russische Filme oder Bücher zu verbannen oder andersherum deutschen Künstlern das Leben schwer zu machen, wenn sie um der Menschlichkeit willen kulturelle Brücken nach Russland zu erhalten suchen.
Über die Kunst kann es gelingen, diese und auch andere internationalen Brücken wiederzubauen. Wenn Politiker – die, die ganze Zeit das Gegenteil behauptet haben – jetzt sagen würden „Okay, Moskau, dann wollen wir jetzt mal sprechen“, würde Moskau wahrscheinlich auch erst mal sagen: „Wo ist der Haken?“ Aber Leuten wie mir zum Beispiel, die die ganze Zeit gesagt haben „Wir brauchen die Brücke“, würde man natürlich mehr vertrauen. Insofern kann die Kunst der Politik – wenn diese sich dessen bewusst wird – helfen, zu Friedensargumenten zurückzufinden und aus den Kriegsargumenten rauszukommen.
Stichwort Cancel Culture: Sie haben das selbst erlebt, Sie sind wegen Ihrer Haltung sogar von einer Friedensveranstaltung ausgeladen worden. Was ist da passiert, und warum ist so etwas möglich, dass jemand wegen seines Engagements für Frieden und Verständigung diffamiert wird?
Weil die Menschen unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie Frieden zu erreichen ist und was Frieden überhaupt bedeutet. Für mich ist Frieden nicht nur abstrakt. Ich möchte erreichen, dass der Krieg aufhört, und dann ist für mich Frieden. Aber viele Menschen – vor allen Dingen politisch ambitionierte oder verantwortliche Menschen – sind eben der Ansicht, wie die, die mich da ausgeladen haben, man muss sich jetzt für die Ukraine entscheiden. Man hilft der Ukraine am besten, indem man den Krieg verlängert. Die Ukraine selbst kann ihn nicht verlängern. Wir können ihn aber verlängern, indem wir jetzt Waffen liefern.
Das ist für mich nicht nachzuvollziehen. Ich bin der Meinung, der Frieden beginnt da, wo das Schießen aufhört. „Ja, aber dann haben die Russen gewonnen“, kam das Gegenargument. Und „dann haben wir die praktisch machen lassen, was sie wollen“. Dabei geht man davon aus, dass die Russen diesen Krieg wollten. Doch das ist nicht der Fall. Sie haben sich über Jahre dagegen gewehrt, Angebote gemacht, selbst nach den ersten paar Wochen nach dem Einmarsch.
Aber Selenskyj durfte ja nicht aufhören, er musste weitermachen. Selbst bei den Friedensverhandlungen, die schon angelaufen waren, kam dann Boris Johnson zur Tür herein und drohte: „Wenn ihr jetzt hier Frieden macht, dann können wir euch die Kreditverträge streichen.“ Von der westlichen Seite ging es immer nur um die Verlängerung des Krieges – weitermachen, weitermachen! Man verdient besser Geld. „Vielleicht kriegen wir ja die Russen doch irgendwie in die Knie gezwungen.“ Und das sind alles keine Friedenspläne.
Warum ist heute so wenig zu hören von Musikern und Künstlern, wenn es um Frieden geht, bis zu jenen, die Frieden mit Waffen schaffen wollen? Das war früher schon anders.
Ich hoffe, dass es jetzt wieder mehr werden. Am 18. August gibt es ein großes Friedenskonzert in Suhl, wo auch Künstler auftreten, die sehr unterschiedlich denken über Gut und Böse, oder auf welche Art der Frieden hergestellt werden muss. Trotzdem haben wir es geschafft, dass wir uns zusammen auf eine Bühne stellen und für Frieden, für den abstrakten Frieden singen. Aber Ihre Frage erübrigt sich, wenn man bedenkt, in welcher Art unsere derzeitige Politik auf Menschen reagiert, die sich gegen die Doktrinen unserer Regierung wenden und wie sie sie stigmatisiert, etikettiert, ausgrenzt – auch geschäftlich ruiniert.
Genauso geht es auch den Musikern. In den letzten zwei Jahren habe ich alles erlebt. Veranstalter, die mich nach 30 Jahren Zusammenarbeit plötzlich nicht mehr kennen, oder Veranstalter, die mich sehr wohl noch kennen und mich anrufen und sagen „Tino, es ist alles richtig, wir sind ganz und gar deiner Meinung, aber wir kriegen auch Geld vom Senat. Wenn wir dich jetzt auf den Spielplan setzen, so haben wir Angst, dass die uns das Geld vom Senat streichen.“ Aber es gibt genauso Veranstalter – und das ist eben die optimistische Seite der Betrachtung –, die kommen und sagen: „Wir kannten dich vorher gar nicht, aber danke für dein Engagement, und kannst du nicht mal bei uns spielen?“ Oder welche, die sagen: „Wir haben schon immer mit dir gearbeitet, und wir halten zu dir. Und wir haben jetzt gerade beschlossen, dass wir kein Geld vom Senat mehr nehmen, keine Anträge mehr stellen, damit wir in unserer Entscheidung frei sind, Künstler wie dich weiter auf unsere Bühnen zu stellen.“
Es gibt alles. Aber dazu muss jeder einzelne Musiker für sich selbst entscheiden, wie stark die eigene Überzeugung ist. Du brauchst dazu wirklich eine sehr starke Überzeugung, sonst hältst du es nicht aus. Doch die Überzeugung und den Mut, der aus ihr erwächst, haben nicht alle, deswegen äußern sich viele nicht.
Aber es gibt eben auch viele, die wirklich angefangen haben zu denken über die zwei Jahre hinweg. Und ich wiederhole noch einmal: Spätestens mit der Sprengung von Nordstream 2 sind ganz viele Menschen plötzlich wach geworden und haben gesagt: „Was ist denn hier los? Wären das die Russen gewesen, dann gäbe es einen medialen Aufschrei, ein Riesentheater …“ Aber man weiß genau, es waren nicht die Russen. Also spricht keiner drüber. Damit hat sich die Politik so dermaßen entlarvt, dass es zum Beispiel zu solchen Wahlergebnissen führt, wie wir sie jetzt gerade bekommen haben.
Sie sind seit 44 Jahren als Musiker, Songpoet und Buchautor unterwegs. Wie verorten Sie das, was Sie jetzt machen, auf Ihrer bisherigen künstlerischen Laufbahn?
Ich verorte es vor allen Dingen mit einem gewissen Bedauern. Weil es natürlich schöner ist, aus einem freiheitlichen Gefühl heraus poetische Gedanken zu entwickeln und die Liebe zu verkünden oder zu spiegeln, als sich politisch engagieren zu müssen, weil man merkt, dass alles irgendwie den Bach runtergeht. Ein Gedicht von Bertolt Brecht zitiere ich in letzter Zeit sehr oft: „Was sind das für Zeiten, in denen ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es das Schweigen über so viele Untaten einschließt?“ Und in so einer Situation sind wir jetzt gerade. Es fällt mir unheimlich schwer, ein Lied oder Gedichte über Bäume zu schreiben; auf Partys zu gehen und so tun, als wäre die Welt in Ordnung – unglaublich schwer. Und ich suche immer nach dem größeren Beitrag, den ich leisten kann, um diese Situation irgendwie zu befrieden, um zu helfen, einen Krieg zu beenden, statt ihn noch auszuweiten. Das beeinflusst natürlich mein künstlerisches Schaffen.
Andererseits beflügelt es jenes Schaffen auch. Zu wissen, dass man gebraucht wird – und nicht bloß mit irgendeinem Schub für die nächste Party, um zwei Stunden später schon vergessen zu sein. Ich erlebe ja ganz oft, dass Leute mir sagen, dass sie inzwischen mit meinen Liedern richtig leben, dass die für sie eine Philosophie und eine Hoffnung, also eine Hoffnungsphilosophie darstellen. Und ich bin natürlich nicht der einzige Künstler, dem es so geht, auch wenn wir womöglich in der Minderheit sind. Das heißt, wie Goethe gesagt hat: „Zwei Herzen schlagen ach in meiner Brust.“ Eines in der Sehnsucht danach, einfach über Bäume schreiben zu können, über das Rascheln der Blätter. Das andere in der Verantwortung vor sich selbst und den Menschen gegenüber, für die man singt, und zwar hierzulande genauso wie zum Beispiel in Russland.Die Verantwortung selbst der Kunst gegenüber, als Brückenbauer und, wie ich es auch gern nenne, als Friedensberichterstatter.